Jedes Buch ist eine Hand, die nach unserer Hand greift.
Vilém Flusser
Buchtipps des Monats - Januar 2010
- Mary Ann Shaffer
- Deine Juliet
- Rowohlt TB 2009
- ISBN 978-3-499-24593-0
- € 8,95
Eines Tages erhält die Schriftstellerin Juliet, die in den späten vierziger Jahren in London lebt, einen erstaunlichen Brief. Absender ist Dawsey Adams, ein Bauer von der Kanalinsel Guernsey, der antiquarisch ein Buch erworben hat, das zuvor ihr gehörte. Da ihre Adresse vorn im Buch steht, wendet er sich an sie, um mehr über den Autor zu erfahren, der ihn fasziniert. Zwischen der Literatin und dem Bauern entspinnt sich ein anrührender Briefwechsel, durch den Juliet von der Existenz der "Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society" erfährt, einer literarischen Gesellschaft, die die Inselbewohner - ungeübte Leser - gründeten, um sich über die schwere Kriegszeit hinwegzuhelfen. Je mehr Juliet über Dawsey und die anderen erfährt, desto mehr wünscht sie sich sie zu treffen. Sie beschließt, auf die Insel zu reisen.
Einhellig kommen die RezensentInnen dieses Buches zu einem Schluss: nach anfänglicher Skepsis ob des angekündigten Romandebüts einer 70jährigen Autorin, der Briefform des Romans und der im Klappentext umrissenen Handlung aus dem Jahre 1946 legt man dieses Buch nicht halb gelesen wieder aus der Hand.
" 'Deine Juliet' ist kein literarisches Meisterwerk, aber ein Kleinod, ein wunderbares, tatsächlich bezauberndes Buch, genauer: ein Briefroman." (Felicitas von Lovenberg)
"Auf einen Briefwechsel aus der Nachkriegszeit zwischen einer Schriftstellerin und komischen Leuten auf einer Insel hatte ich überhaupt keine Lust. Diesmal hatte sich mein Buchhändler wohl geirrt. Hat er nicht. Er hat mir ein großartiges Buch empfohlen. Ich musste einfach nur meine kleinlichen Vorbehalte beiseite schieben. Diesen Briefroman zu lesen, war ein großes Vergnügen." (Christine Westermann)
Mehr Informationen zum Roman:
- faz.net: Rezension von Felicitas von Lovenberg (3. April 2009)
- WDR 2 am Sonntag Rezension von Christine Westermann (27. Juli 2008, 6:20 Minuten)
- perlentaucher.de: Rezensionsübersicht
- Jenny Erpenbeck
- Heimsuchung
- btb 2010
- ISBN 978-3-442-73894-6
- € 8,00
Ein Haus an einem märkischen See - und wie ein ganzes Jahrhundert in ihm wütet - Ein Haus an einem märkischen See: Es ist der Schauplatz für fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden ein Panorama des letzten Jahrhunderts, das verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt.
Buchtipps des Monats - Dezember 2009
- Herta Müller
- Atemschaukel
- Hanser 2009
- ISBN 978-3-446-23391-1
- € 19,90
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.
Herta Müller erhielt den Literaturnobelpreis 2009.
- Fernando Pessoa
- Ein anarchistischer Bankier
- Wagenbach 2006
- ISBN 978-3-8031-1236-1
- € 13,90
Von einem Freund befragt, gibt "ein großer Händler und ehemaliger Schieber" Auskunft über seinen Aufstieg vom einfachen Arbeiter zum wohlhabenden Bankier. Aber auch über seine anarchistische Gesinnung, die er nie aufgegeben hat. Mit verblüffend schlüssiger Logik legt er seinem fassungslosen Zuhörer dar, daß diesem Aufstieg eine anarchistische Methode zugrunde liegt: "Geld zu erwerben, es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte." Der einzig logische Schluß kann denn auch nur lauten: Der wahre Anarchist muß Bankier werden, der wahre Bankier ist konsequenter Anarchist.
- Volker Sielaff (Hrsg.)
- Der Humor der Wolken. Moderne Poesie aus Taiwan
- Taipei Book Fair Foundation 2009
- € 8,00
„Mir scheint das weiße Blatt eine schöne Metapher für die Übersetzung von Poesie und für das Dichten im allgemeinen zu sein“, schreibt Volker Sielaff in der von ihm herausgegebenen Sammlung moderner Poesie aus Taiwan „Der Humor der Wolken“. Da ist nicht an Versinterung gedacht,sondern eher an die Stille, in die Töne gemengt wird und das Unbunte, dem man Farben aufmalt. Das Gedicht ist jenes Gebilde, mit dem die Korrespondenz beginnt, dort, wo noch nichts ist, und es führt sie auf seine Weise je nach Kultur und Sprache und Individuum. Das taiwanesische Gedicht muß ein anderes sein und ist vom Grunde her wie jedes andere auch ein universelles.
Gerade mal 12 Dichter/innen findet man in diesem Paperback, von acht Übersetzern übertragen. Es kann nur eine grobe erste Skizze sein, ein Appetizer. Ob auf den einsamen Alten Zhou Mengdie (geb. 1921), bei dem das Offensichtliche verschwimmt und die Realität zur Fähre wird, auf der man übersetzt von Moment zu Moment, oder auf die international schon bekanntere Hsia Yü (geb. 1956), die das sinnschwere Bauchreden mit Zufallsreden ersetzt (tatsächlich hat sie für ihren Gedichtband „Reibung: unaussprechlich“ den Vorgänger „Bauchrednerei“ Zeichen für Zeichen zerschnitten, Zeichen, die ja in der chinesischen Sprache für Morpheme, ganze Begriffe stehen, und völlig neu zusammengesetzt). Es gibt einige lesenswerte Gedichte darin, und das macht bei einigen Autoren Appetit auf mehr. (Frank Milautzcki)
- Der vollständige Text der Rezension von Frank Milautzcki auf fixpoetry.com
- Das Vorwort von Volker Sielaff aus Lyrikzeitung & Poetry News
- Karin Duve
- Weihnachten mit Thomas Müller
- Eichborn 2004
- ISBN 978-3-8218-0747-8
- € 9,95
Thomas Müller, der Teddy der Familie Wortmann, hat beim Weihnachtseinkauf seine Familie verloren. Dann wurde er von einem Taxifahrer verprügelt, der merkte, dass er sich ohne Geld in die heimatliche Vorstadt kutschieren lassen wollte. Verzweifelt sitzt der Teddy mitten in der menschenleeren, nächtlichen Innenstadt von Hamburg, wo sein verfilztes Fell langsam am Brunnenrand festzufrieren beginnt... "Weihnachten mit Thomas Müller" ist ein Märchen über die Hoffnung und die Hoffungslosigkeit, über Verzweiflung und Freundschaft, über Heimat und die Freuden unvermuteter Rettung.
Buchtipps des Monats - November 2009
- Lars Gustafsson
- Frau Sorgedahls weiße Arme
- Hanser
- ISBN 978-3-446-23273-0
- € 19,90
"Ich brauche nicht zu verreisen. Ich bin schon da.", sagt Gustafssons Ich-Erzähler, ein siebzigjähriger Philosophieprofessor in Oxford, wenn er sich auf eine Zeitreise in seine Vergangenheit begibt. Denn die Zeit ist für ihn ein Möbiusband, ohne Anfang, ohne Ende und immer gleichermaßen präsent. Und schon ist er mitten drin im Schweden der fünfziger Jahre, im vertrauten Västmanland. Bei der frommen Pfingstgroßmutter und ihrer halbverrückten Schwester, beim Geschmack der Zimtbirnen, bei den heimlichen „philosophischen“ Treffen der Jungs im Heizungskeller und bei Magister Slipsten, dem sadistischen Lehrer, der von den Schülern aus Rache in den Wahnsinn getrieben wird. Und vor allem bei den Frauen, den frühen Geliebten, die noch genauso verführerisch und ein wenig rätselhaft sind wie damals: Ingela, die Tochter des Gießers aus dem benachbarten Sommerhaus, und Frau Sorgedahl, die einen langweiligen Mann und so schöne weiße Arme hat.
Nach vielen Jahren ist Gustafsson an die vertrauten Schauplätze seiner Jugend in Västmanland zurückgekehrt, zu seinem Glück und zu dem der Leser, ein weiser, schalkhafter Erzähler, voll gelassener Heiterkeit.
Lars Gustafsson liest am 17. November, 20 Uhr, auf Einladung des Literaturforum Dresden im Deutschen Hygienemuseum. Die ausführliche Ankündigung dieser Veranstaltung finden Sie hier.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor:
- Leseprobe des Carl Hanser Verlages
- perlentaucher.de: Rezensionsübersicht
- hr online.de: Rezension von Waltraut Worthmann-von Rode, 29. April 2009
- literaturkritik.de: Rezension von Volker Heigenmooser, Juli 2009
- Deutschlandradio Kulur: Rezension von Carola Wiemers, 8. April 2009
- Petr Halmay
- Schlusslichter
- edition korrespondenzen
- ISBN 978-3-902113-61-0
- € 17,90
»Schlusslichter« von Petr Halmay ist eine knappe, lakonische Lebensbilanz eines Mittvierzigers. Seine Gedichte umspielen in feinen Tönen jene Zäsur in der Mitte des Lebens, wo die eigene Endlichkeit nicht nur bewusster, sondern vor allem auch stärker wahrgenommen wird. Elegisch gestimmte Orte – eine dahinkümmernde Sommerfrische, das Möbellager eines Theaters, hölzerne Bootshäuser – grundieren die still bewegten Bilder und Momentaufnahmen, in welche nach und nach erst der Sohn, dann der Vater, die Mutter und die eigene Frau auftauchen. Diese gewinnen zunehmend an Raum, sodass sich inmitten »des von keinem gesehenen Todes« eine zarte Verschiebung abzeichnet von der wehmütigen Stagnation hin zu einem in seiner Brüchigkeit glückenden Leben. Mit sicherem Gespür für Details, ja scheinbare Nebensächlichkeiten, kreiert Halmay eine Atmosphäre, die in ihrer Leichtigkeit und Melancholie jene entscheidenden existenziellen Zwischentöne einfängt, die das menschliche Sich-Selbst-Fremdsein sichtbar werden lassen und es in heilsamer Stille auffangen.
Buchtipps des Monats - Oktober 2009
- Jens Wonneberger
- Heimatkunde
- Fischer TB
- ISBN 978-3-455-38067-5
- € 16,99
Elbflorenz, Barockstadt an der Elbe, Tal der Ahnungslosen und das durch nichts zu erschütternde Selbstverständnis der Bewohner in einer Kunst- und Kulturstadt zu leben – das Bild von Dresden ist reich an Klischees. Jens Wonneberger besucht die Alten Meister, spaziert über die Brühlsche Terrasse, wandelt durch die Straßen der Äußeren Neustadt, besteigt einen Elbdampfer und berichtet von Kugelhäusern. Sein historischer Blick ermöglicht ihm ein Erzählen in lebendigen Geschichten, ein Hinterfragen des Mythos' Dresdens barocker Pracht; er geht dem Trauma von dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nach und berichtet vom Verlust des Titels als Weltkulturerbe.
Lesung und Buchpremiere am 24. September 2009, 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden
- Ilija Trojanow
- Der Weltensammler
- dtv
- ISBN 978-3-423-13581-8
- € 9,90
Der uralte Rhythmus einer indischen Tabla-Trommel, ein Menschenmeer, der Geruch von Henna und faulem Fisch -- tausend Eindrücke schwappen dem Neuankömmling entgegen. Als Kundschafter der englischen Krone soll Richard Francis Burton in der Kolonie Britisch-Indien dienen. Für den wissensdurstigen Burton ist dies eine verlockende Aufgabe. Doch aus Neugierde erwächst bald eine regelrechte Obsession, das Fremde zu enträtseln und darin aufzugehen. Der britische Offizier Sir Richard Burton ist einer der seltsamsten Menschen des an exzentrischen Figuren reichen 19. Jahrhunderts: Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen und jede Anstrengung zu vermeiden, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in die fremden Religionen und reist zum Schrecken der einheimischen Behörden anonym in diesen Ländern herum. So betritt er, in Indien zum Islam konvertiert, als einer der ersten Europäer unerkannt die heiligen Stätten von Mekka und Medina; und er reist zu den Quellen des Nils - eine seelische und körperliche Zerreißprobe, die zum Zusammenbruch führt.
Iljia Trojanow hat einen farbigen Abenteuerroman geschrieben, der durch genaue Sachkenntnis begeistert. Er ist Burton durch drei Kontinente hinterhergereist, um der Faszination, die Hinduismus, Islam und afrikanischen Naturreligionen auf ihn ausübten, aufzuspüren.
- Robert Bolaño
- Telefongespräche
- dtv
- ISBN 978-3-423-13669-3
- € 9,90
Seit kurzem pflegen Sensini und der junge Mann Briefkontakt. Regelmäßig versuchen die beiden ihr Glück als Preisgeldjäger bei unbedeutenden Literaturwettbewerben. Nach Wochen vertraut Sensini seinem neuen Brieffreund an, daß er sich einen Sport daraus macht, bei den Wettbewerben dieselben Texte unter verschiedenen Titeln einzureichen... Sei es eine Parodie auf die korrupte Preisvergabe im Literaturbetrieb, ein meisterhaft arrangierter Dialog zwischen zwei chilenischen Polizisten, die sich als die ranghöchsten Schlächter der chilenischen Militärdiktatur entpuppen, oder die hinreißende Liebesgeschichte zwischen einer Hochspringerin und dem Gehilfen eines russischen Gangsterbosses: in vierzehn traurigen und zugleich schrecklich komischen Geschichten entführt uns der große Meister und Erneuerer der lateinamerikanischen Literatur in die Labyrinthe des Lebens – entlang der Grenze zwischen Fiktion und Realität.
Roberto Bolaño, geboren 1953 in Santiago de Chile, gestorben 2003, erhielt 1999 den wichtigsten südamerikanischen Literaturpreis "Rómulo-Gallegos". Lange Zeit lebte er in Mexiko. 1973, während Pinochets Militärputsch, wurde er in Chile verhaftet, saß ein halbes Jahr im Gefängnis und ging danach zurück nach Mexiko und weiter nach Spanien.
- Blaise Cendrars
- Auf allen Meeren
- dtv
- ISBN 978-3-85787-714-8
- € 14,00
Im Süden Frankreichs hält sich ein Schriftsteller versteckt, der als Wahlfranzose zuvor die ganze Welt bereist und in sein Schreiben aufgenommen hatte: Blaise Cendrars. Ein Autor, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Avantgarde gehörte und der zum Schreiben immer das Reisen und die Begegnung mit fremden Menschen und Kulturen brauchte, hält in kriegsbedingter Immobilität literarisch Rückschau. 1944, im Jahr der Befreiung von Paris, schreibt Cendrars in Aix seinen Lebens-»Roman« in Stücken: Die Signatur des Feuers, Die rote Lilie, Rhapsodie der Nacht und Auf allen Meeren, eine geballte Ladung von Erinnerungen, die entscheidende Lebenserfahrungen an elf europäischen Hafenstädten festmacht und von da aus das Universum des Cendrarsschen Schreibens reportagehaft sichtet. Mit Auf allen Meeren wird der legendenumwobene Autor auch als sein eigener Legendenbildner und gleichzeitig als Chronist seiner Schlüsselerlebnisse greifbar und als ein Schriftsteller, der sein Metier auch in Zeiten der Not beherrschte.
Buchtipps des Monats - Juli 2009
- Clemens Eich
- Das steinerne Meer
- Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17911-4
- € 9,95
Im Schatten des Steinernen Meers, einem gewaltigen Gebirgszug an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland, liegt Muna. Dort pflegt der zwölfjährige Valentin seinen Großvater. Während der Großvater Bilanz zieht, muß sich der Enkel auf sein Leben vorbereiten. Eindringlich beschreibt Eich die Sehnsüchte zweier Menschen, die sich um Orientierung bemühen. Der Held im "Steinernen Meer", ein im Bett fiebernder Junge mit furchtbarem Ausschlag an den Füßen, fantasiert von den anstehenden Olympischen Spielen in Innsbruck, träumt davon, Erster im Abfahrtslauf zu werden. Die Eltern sind fort, in Sizilien, und er ist allein mit seinem sterbenden Großvater, dessen bedrohlicher Vergangenheit und der Gegenwart einer abgeschiedenen Bergwelt, in der den Menschen das Leben abhanden zu kommen scheint.
Clemens Eich wurde 1954 in Rosenheim als Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich geboren. Nach der Schauspielschule in Zürich hatte er Engagements in Landshut, Frankfurt und Wien. 1996 erhielt er den Hamburger Mara-Cassens-Preis zuerkannt. Clemens Eich starb 1998 infolge eines Unfalls.
- Joachim Sartorius (Hrg.)
- Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-86648-081-0
- € 18,00
Das Meer als Meer - die schiere Weite, die endlose, aber auch eintönige Wasseroberfläche - hat die Dichter nicht wirklich inspiriert. Die Phantasie entzündete sich an den wechselnden Horizonten, an der beweglichen Linie zwischen Wasser und Land, an den unberechenbaren Stimmungen, an Ruhe und Sturm. Das Unermessliche selbst war eher Projektionsfläche für Sehnsüchte, diente als Metaphernspeicher für den Ursprung, das Offene, das Abgründige, auch für das Glück über den Abgründen. Es waren die Romantiker, die das Meer zum Ort der Selbstentdeckung machten, Bilder und Klischees prägten, die bis heute fortwirken: Das Meer als Meer der Gefühle. In ihrem Gefolge haben die Psychologen die Anziehung des Meeres damit erklärt, dass es ein Spiegel der Seele sei. Das harrt noch der Forschung. Wir sind geängstigt und fasziniert zugleich. Das findet sich in vielen Meeresgedichten wieder, gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert, bei Herman Melville und Walt Whitman, die das Dämonische und Unergründliche der See zu einer Zeit sangen, da wir noch nicht über die Ozeane fliegen konnten und diese Ozeane die Strategien der menschlichen Bewegung und Imagination vorzeichneten. Selbst heute, trotz der Domestizierung der Küsten und eines globalisierenden Strandlebens, bleibt das Meer Mysterium. Die Faszination des Elementaren hält an. «Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer», dichtete Gottfried Benn und meinte mit dieser Formel die Anziehungskraft des Offenen, des Ungebundenen für uns Beschränkte und Eingeschränkte.
- Gillian Johnson
- Thora Meermädchen
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-21521-6
- € 7,95
Thora ist wahrhaftig ein ungewöhnliches Mädchen: Ihre Beine sind mit schillernden Schuppen besetzt, ihre Füße schimmern lila und unter ihrem lustigen Pferdeschwanz versteckt sich ein kleines Wasserloch. Thoras Zuhause ist ein Boot, ihr Haustier ist ein Pfau - und ihre Mutter eine echte Meerjungfrau! Zehn Jahre lang ist Thora mit ihrer Mutter über alle Weltmeere gereist. Doch nun muss sie allein in der Welt der Menschen zurechtkommen. So will es ein alter Fluch, der auf Thora lastet. Auf den ersten Blick scheint alles ruhig in Thoras Heimathafen Grimli. Doch das verträumte Fischerdörfchen ist fest in der Hand des miesen Immobilienhais Frooty de Mare, der den Ort in eine Hotelhochburg verwandeln will und vor nichts zurückschreckt - noch nicht einmal vor Meerjungfrauen. Als Thoras eigene Mutter in große Gefahr gerät, muss Thora etwas unternehmen. Wie gut, dass sie neue Freunde gefunden hat!
Buchtipps des Monats - Juni 2009
- Walter Kappacher
- Der Fliegenpalast
- Residenz Verlag
- ISBN 978-3-7017-1510-7
- € 17,90
August 1924: H. ist auf der Rückreise und macht Halt in Fusch, einem Kurbad in den Salzburger Alpen, wo er mit seinen Eltern vor dem Krieg lange Sommer verbrachte. Inzwischen hat sich viel verändert: Freunde sind ihm abhanden gekommen, sein Ruhm liegt Jahre zurück, sein Schaffen ist bedroht von einer labilen Gesundheit und den leisesten Störungen. Auch im abgelegenen Bad Fusch hat die neue Zeit Einzug gehalten, an der er nur mehr als Beobachter teilnimmt, der sich selbst zunehmend fremd geworden ist. Bei einem Spaziergang wird H. ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, lernt er den jungen Doktor Krakauer kennen, den Privatarzt einer Baronin. Auch er ist ein Rückkehrer in einer fremden Welt. H. sucht dessen Freundschaft, doch da ist die Baronin und da ist die Einsamkeit, der er nicht mehr entkommt. Walter Kappacher erzählt von einem Leben, das die Zeit überholt hat: mit fesselnder Intensität und luzidem Einfühlungsvermögen, so souverän wie virtuos. Er bestätigt damit seine Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur: ein Seltener (Peter Handke).
Walter Kappacher erhält den Georg Büchner Preis 2009.
- Brian Selznick
- Die Entdeckung des Hugo Cabret
- cbj
- ISBN 978-3-570-13300-2
- € 19,95
Hugo Cabret, seines Zeichens Waisenjunge, Dieb und Wächter der Uhren, lebt verborgen in den Gemäuern des Pariser Bahnhofs. Niemand weiß vonihm, dem Jungen, der alles im Blick behält und sich doch allen Blicken entzieht. Bis ein kühnes Mädchen und ihr bärbeißiger Großvater auf ihn aufmerksam werden. Schlagartig ist in Gefahr, was Hugo so sorgsam hütet: seine geheime Existenz und damit die rätselhafte Zeichnung, das liebevoll aufbewahrte Notizbuch und der mechanische Mann. Jene Dinge, die den Weg zu seinem wohl gehüteten faszinierenden Geheimnis weisen Illustration, Text und Filmelemente grandios kombiniert Rund 200 großartige doppelseitige Schwarzweißzeichnungen erzählen ein Drittel des Buches DAS Meisterstück eines großen Geschichtenerzählers und brillanten Zeichners
- Laute Verse
- Gedichte der Gegenwart- herausgegeben von Thomas Geiger
- DTV
- ISBN 978-3-423-24692-7
- € 14,90
Die Lyrik gilt derzeit als die Avantgarde der deutschen Literatur. So vital, so experimentierfreudig, so unterhaltsam, so klug wird derzeit nirgendwo sonst die Welt in Worte gefasst. Zwanzig Jahre nach der Wende hat sich eine neue Autorengeneration gebildet. Schädelmagie stellt die wichtigsten jungen Lyriker vor und bietet so einen profunden Überblick über die Lyrik der Gegenwart. Zudem gibt jeder Autor mit der Interpretation eines seiner Gedichte einen Einblick in seine Schreibwerkstatt. Mit Gedichten von Thomas Kling, Durs Grünbein, Marcel Beyer, Volker Sielaff, Christian Lehner, Jan Wagner, Marion Poschmann, Daniela Danz, Raphael Urweider, Kurt Aebli, Silke Scheuermann, Henning Ahrens, Sabine Scho u.a.
- Ferit Edgü
- Ein Winter in Hakkari
- Unionsverlag
- ISBN 978-3-293-20021-0
- € 8,90
In den äußersten Osten der Türkei wird er als Lehrer geschickt, ins Hochgebirge zwischen Felsen und Schluchten, ohne Straße und Strom. Die Menschen sprechen eine fremde Sprache, gehen barfuß im Schnee, und noch kein Städter hat es bisher geschafft, einen Winter lang ihr Leben zu teilen. Er steht vor einer Welt voller Rätsel und Schweigen. Sein Wissen, seine Erinnerungen, all das, was er mitgebracht hat, macht ihn nur einsam und verloren.Doch allmählich taucht er ein in diese Realität jenseits all dessen, was er Zivilisation nannte. Als der Winterschnee schmilzt und man ihm mitteilt, er könne wieder gehen, wohin er wolle, hat er vergessen, daß dieser Ort sein Gefängnis war. Der Lehrer hat manches gelehrt. Aber vor allem hat er gelernt: Wie die Wölfe in die Dörfer kommen und man sich bei minus 25 Grad mit dem eigenen Atem am Leben erhält. Wie man alle Säuglinge sterben sieht, ohne den Verstand zu verlieren, wie man Leid klagt und Geschichten erzählt. Er hat gelernt, wie man es schafft, die Stimmen der Stille und der Hilflosigkeit zu hören.
Buchtipps des Monats - Mai 2009
- Eleonora Hummel
- Die Venus im Fenster
- Steidl
- ISBN 978-3-86521-878-0
- € 18,00
Zehn Jahre hat Alina ihre Schwester Irma nicht mehr gesehen, nun wartet die junge Frau am Berliner Ostbahnhof auf die späte Nachzüglerin. Die rußlanddeutsche Familie Schmidt war Anfang der achtziger Jahre nach Dresden gekommen. Alina erinnert sich, wie sich die neue, fremde Heimat anfühlte, deren Sprache sie nicht verstand und deren Verheißungen groß schienen. Wie aus den deutschen Russen mit der Zeit russische Deutsche wurden. Und wie Oma Erika, die Donauschwäbin, vom harten Leben der Vorfahren in Kasachstan erzählte.
Eleonora Hummel entfaltet in ihrem Roman die wendungsreiche Geschichte einer Aussiedler-Familie, die sich auf eine Reise ins vermeintlich gelobte Land macht und auf dem harten Boden der Realität landet. Nach einigen Jahren im DDR-Sozialismus fällt die Mauer und mit ihr der Zusammenhalt: Nun macht jeder seinen eigenen Gebrauch von der neuen Freiheit. Spannend, präzis beobachtend und mit leisem Humor schreibt Eleonora Hummel vom langen Atem der Vergangenheit, von Glücksversprechen und einer jungen Heldin auf der Suche nach sich selbst.
- Frode Grytten
- Die Raubmöwen besorgen den Rest
- dtv
- ISBN 978-3-423-21116-1
- € 8,95
Im heißen Sommer 2002 stürzt ein Einwohner Oddas mit seinem Wagen in den reißenden Fluss. Es war kein Unfall, und da der Tote Mitglied der Bürgerwehr war, werden bald ein paar Serben aus dem Asylantenheim verdächtigt. Während sich das öffentliche Vorurteil und die Medien auf die Ausländer stürzen, entdeckt der langsame und zähe Robert Bell nach und nach den wahren Grund für den Mord. Die Wahrheit will aber mittlerweile niemand mehr wissen, denn die Medien haben schon längst neue Themen gefunden. Mit seiner Bedächtigkeit hat Bell das Nachsehen, aber nun droht sie ihm auch noch zum Verhängnis zu werden: seit Jahren hat er sich in einer ausweglosen Affäre mit seiner großen Liebe Irene eingerichtet, und als sie spurlos verschwindet, ist das für manche eine hervorragende Gelegenheit, Bell dranzukriegen.
In einem eigenwilligen Ton, mit einer non-chalanten Gelassenheit und einer großen Wahrhaftigkeit schafft Frode Grytten einen markanten und dabei keineswegs zweifelfreien Helden in einer schwierigen Zeit.
- Peter Stamm
- Agnes
- Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17912-1
- € 8,95
Im überheizten Lesesaal der Public Library in Chicago wechseln sie die ersten Blicke, bei einem Kaffee die ersten Worte: er, ein Schweizer, der über amerikanische Luxuseisenbahnwagen recherchiert, sie, eine amerikanische Physikstudentin, die ihre Dissertation schreibt. Sie gehen zusammen essen, machen Ausflüge in die nahegelegenen Wälder oder spazieren am Lake Michigan entlang. Eines Tages fordert die junge Frau ihn auf, eine Geschichte über sie zu schreiben, damit sie sieht, was er von ihr hält. Schnell zeigt sich, daß Bilder und Wirklichkeit sich nicht entsprechen - und daß die Phantasie immer mehr Macht über ihre Liebesbeziehung erhält.
Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher.
(Arno Schmidt)
- Laszlo Krasznahorkai
- Im Norden ein Berg, im Süden ein See,
im Westen Wege, im Osten ein Fluß - Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17243-6
- € 8,95
Im Süden Kyotos, an der einschienigen Schnellbahn der Kaihan-Linie gelegen, nur eine Haltestelle außerhalb der Stadt, ist ein Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt den Enkel des Prinzen von Genji an diesen abgelegenen Ort. Irgendwo hier müßte er sein, der schönste Garten der Welt. Wie von selbst werden seine Schritte durch die Klosteranlage gelenkt. Eine ausgeklügelte Bauweise hat die Natur in Form gebracht, jedes Ding hat seinen Platz und seine wohlgeformte Gestalt eine Bedeutung an sich. Und so eröffnet sich ein feiner, minutiöser Blick auf die Natur, auf Pflanzen, Wind und Vögel, wie auch auf die Architektur, auf Pagoden, Höfe, Terrassen. Das Kleine groß werden zu lassen, Unauffälliges in den Mittelpunkt zu rücken, die Bedeutung zu erkennen, die selbst dem scheinbar Zufälligen innewohnt, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren und das ordnende Prinzip im angeblichen Chaos zu benennen, all das leistet László Krasznahorkai bei seinem Ausflug in die japanische Landschaft und in Japans Ideen- und Gedankenwelt. Entstanden ist ein literarisches Kleinod von ungekannter Tiefe, ein meditativer Text, der auch europäische Gemüter lehrt, sich in die zirkuläre Denkweise des fernen Ostens einzufühlen.
Lesung am 28. Mai 2009, 20 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1
Buchtipp des Monats - März 2009
- Martina Hefter
- Die Küsten der Berge
- Wallstein
- ISBN 978-3-8353-0330-0
- € 19,00
Fein gewoben und kraftvoll sind die Erzählbilder, die Martina Hefter herstellt. Erinnerungen und Augenblicke der unmittelbaren Gegenwart sind gleichermaßen in ihnen eingefangen und scharfgestellt.In Binz auf der Ostseeinsel Rügen treffen sie nach einer langen Autofahrt beim »Böhmerwirt« ein, eine Familie mit zwei Kindern, über die Martina Hefter ihr Erzählnetz auswirft. Bilder werden aufgerufen aus der unmittelbaren Wahrnehmung, aus den Medien, der Kindheit: das lange zurückliegende Ausreißen mit der Freundin aus dem kleinen Heimatort in den deutschen Alpen über die österreichische Grenze in Richtung Italien; die Steilhänge am Meer, wo die Kinder plötzlich verschwunden sind und die Suche nach ihnen sich zu Stunden zu dehnen scheint; der Vater in der örtlichen Traktorenfabrik; die sächsischen Nachbarn; der Mann mit der schwarzen Maske, der während der olympischen Spiele in München mit einem Maschinengewehr auf einem Balkon steht und etwas vorhat, von dem die Eltern sagen, Kinder könnten es nicht verstehen.
Martina Hefter hebt Zeit und Raum im Erzählen auf, in einer wunderbar leichten Sprache, die die Erdenschwere ins poetische Schweben bringt. Sie erzählt mit spielerischer Kraft und ungemein sinnlicher Beweglichkeit, umkreist ihre Gegenstände, kehrt zum Ausgangspunkt zurück eine Feier des Unterwegsseins.
- Peter Härtling
- O’Bär an Enkel Samuel
- Kiepenheuer & Witsch
- ISBN 978-3-462-04060-9
- € 14,95
Nicht alle Schriftsteller haben eine Familie, aber die meisten. Schriftsteller schreiben nicht immer, aber meistens. Wenn ein Schriftsteller Schwierigkeiten mit dem Schreiben hat, kann seine Familie der Ausweg sein, gerade wenn sie über mehrere Generationen reicht und sich auch kleine Kinder darunter finden.
In diesem Fall ist es Enkel Samuel, der die Sprache lernt, die dem Schriftsteller zu fehlen scheint. Samuel findet und erfindet Wörter, liefert die aberwitzigsten Silbensprünge und Bubenstreiche und setzt seinen Großvater in größtes Erstaunen. Die überbordende Phantasie des »kleinen Herrn« führt dem Großen die eigene Blockade vor Augen, die sich durch Reisen zu Reden und Vorträgen längst nicht mehr durchbrechen lässt. Und so gibt es nur eine Lösung: Die wunderbar inspirierenden Spannungen zwischen Kind und Greis, die wortbefreiende Komik des Alltags und die innige Beziehung beider müssen erzählt werden. Und der Enkel muss erfahren, wie wichtig er für den Großvater geworden ist. Das geschieht in fünf Briefen an Samuel, dem Kernstück dieser warmherzigen Erzählung.
Peter Härtling gelingt ein Kunststück: Aus der genauen Beobachtung des Verhaltens und Sprechens eines Kleinkinds erschließt sich ihm ein Weg, von den großen Themen - Liebe, Alter, Verantwortung, Tod - zu erzählen und den Leser dabei tief zu berühren.
EIN BETAGTER MANN, der mit den Begleiterscheinungen des Alterns hadert und sich immer weiter zurückzieht, und ein Knirps, der sich voller Neugier und Lebenslust in die Welt begibt, begegnen einander: In seiner Erzählung vom Großvater O'Bär und seinem dreijährigen Enkel Samuel gelingt Peter Härtling eine spielerische und anrührende Verquickung von eigenem Erleben und literarischer Fiktion - und das Porträt einer innigen Beziehung.
(Verlagsinformation)
Buchtipp des Monats - Januar 2009
- Daniel Kehlmann
- Ruhm
- Rowohlt
- ISBN 978-3-498-03543-3
- € 18,90
Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten; nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen. Ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen den Verstand.
Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild ordnen, ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen: ein Spiegelkabinett. Ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen - voll unvorhersehbarer Wendungen, komisch und brillant.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor: Bookmarks 01/2009 des Rowohlt-Verlages
Buchtipp des Monats - Dezember 2008
- Uwe Tellkamp
- Der Turm
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-42020-1
- € 24,80
Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor:
- Suhrkamp Verlag
- Sonderseite des Verlages mit in Dresden gedrehtem Videobeitrag
- ZDF-Mediathek
- aspekte, 15.10.2008: Lesung des Buchpreisträgers Uwe Tellkamp (Video, 25:10)
- ZDF-Mediathek
- aspekte, 15.10.2008: Uwe Tellkamp spricht mit Jens Bisky über sein Buch "Der Turm" (Video, 24:02)
- ZDF-Mediathek
- heute-journal, 13.10.2008: Uwe Tellkamp erhält deutschen Buchpreis (Video, 03:50)
- Die Welt
- Die magelnde Grazie der Shortlist - Deutscher Buchpreis 2008. Von Tilman Krause, 17. September 2008
- MDR Figaro
- Leipziger Poetikvorlesung 2008 von Uwe Tellkamp: Bericht von Michael Hametner (Hörbeitrag, 6:57)
- Mephisto 97.6
- Leipziger Poetikvorlesung 2008 von Uwe Tellkamp: Beitrag von Winnie Bennedsen (Hörbeitrag, 26. November 2008)
- Wikipedia
- Seite zum Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp
Vorankündigung:
- Uwe Tellkamp
- Die Sandwirtschaft
Leipziger Poetikvorlesung 2008 - Geplantes Erscheinen: Januar 2009
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-06999-8
- € 8,90
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- Mehr Info/Bestellen
Jedes Buch ist eine Hand, die nach unserer Hand greift.
Vilém Flusser
- Klaus Funke
- Kleinolberndorf
- Husum Verlag
- ISBN 978-3-89876-205-2
- € 8,95
Klaus Funke erzählt von Menschen, von wunderlichen, seltsamen und ganz normalen, von ihren Schicksalen in den wechselnden Zeiten, der schlimmen und elenden Kriegszeit und den Umbrüchen danach. Die versammelten biographischen Bruchstücke aus dem erzgebirgischen Ort Kleinolberndorf verbinden sich zu einem Gemälde der Zeit nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Ein Maler wandert in das Dorf und skizziert die Lebensgeschichten wie die des Feldsängers, der aus bäuerlichen Verhältnissen stammend als junger Künstler eine Existenz versuchte aufzubauen, oder des Einsiedlers Jakub, der nach dem Tod seiner Frau seit drei Jahrzehnten in völliger Einsamkeit lebt. Es sind Menschen am Rande der dörflichen Gesellschaft. Ihre Sprache, ihre Eigenart, die Verbindung von individueller und allgemeiner Geschichte zeichnen ein lebendiges Bild vergangenen Lebens zwischen Leid und Lebensglück.
Lesung am 4. 12. 2008, 19 Uhr, im Stadtmuseum: Klaus Funke: Zeit für Unsterblichkeit
- Undine Gruenter
- Das gläserne Cafe
- Berliner Taschenbuch-Verlag
- ISBN 978-3-8333-0560-3
- € 8,90
Eine Frau lässt die Wohnung, in der ihre Liebe verloren ging, völlig von Grünpflanzen überwuchern. Eine andere beschließt, bis zum Ende des Lebens in einem Hotelzimmer auf ihren Liebhaber zu warten. Ein Mann steigt aus dem Zug und folgt einem in der Ferne winkenden Frauenarm. Unerfüllte Liebe lässt sie alle flüchten vor der Realität, die nur noch in stillen Bildern zu ihnen durchdringt: Eine Hand liegt neben dem Teller, Rotwein tropft auf ein weißes Tischtuch.
Undine Gruenter ist die große Meisterin der kleinen Form. Die unglaubliche Souveränität, die Undine Gruenter am Ende erreicht hat, übertrifft noch die Meisterschaft der letzten bitter-heiteren Erzählungen Ingeborg Bachmanns; noch weiter ist der literarische Spielraum, den die spätere mit tänzerischer Freiheit abmisst.
- Rutger Kopland
- Dank sei den Dingen
Ausgewählte Gedichte 1966 - 2006 - Hanser Verlag
- ISBN 978-3-446-23071-2
- € 14,90
"Die Dinge", schreibt Rutger Kopland in einer seiner poetologischen Betrachtungen, "sagen uns nichts
über sie selbst, außer dass sie immer schon da waren, da sind und immer da sein werden. Über uns sagen sie uns, dass auch wir aus Zeit geformt sind."
Kopland, 1934 in Goor geboren und emeritierter Professor für Psychiatrie, zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Niederlande. Seine Dichtung widmet sich immer wieder dem Gegenüber: Wahrnehmung, Versprachlichung, Erfahrung von Wirklichkeitsverlust, Trennung und Liebe sind Hauptthemen seiner Gedichte. Für Kopland bedeutet das jedoch nicht, dass das Gedicht Speicher melancholisch-sentimentaler Betrachtungen der Vergänglichkeit zu sein habe: Es ist unverrückbar in der Gegenwart verankert.
- Davide Longo
- Der Steingänger
- btb
- ISBN 978-3-442-73803-8
- € 8,00
In einem piemontesischen Tal wird ein Mann umgebracht: Cesare gilt als Hauptverdächtiger für den Mord an seinem Kumpanen Fausto, mit dem er jahrelang Flüchtlinge von Italien über die Berge nach Frankreich gebracht hat. Hat die Tat einen politischen Hintergrund? Und warum umgibt die Dorfbewohner eine explosive Stille? Welches Geheimnis hüten sie? Erst als eine Frau das Schweigen bricht, kommt es zu einer überraschenden Wendung, und Cesare, der Steingänger, der Wahrheit gefährlich nahe.
Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola bei Turin geboren. Nach seinem Studium erhielt er ein Stipendium für das Literaturinstitut »Scualo Holden« in Turin, wo er inzwischen selbst unterrichtet. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Premio Grinzane Cavour, den Premio Via Po sowie für »Der Steingänger« den Premio Città di Bergamo und den Premio Viadana. Davide Longo lebt in Carmagnola.
- Karla Schneider
- Großvater und ich
- dtv
- ISBN 978-3-423-62366-7
- € 14,90
Ein großer Krieg ist gerade vorüber. Es mangelt an allem. Die Menschen haben mehr Phantasie als Heizmaterial. Was nützt Geld, wenn es keine Waren gibt? Die Liebe des Großvaters zur Literatur und zur Musik ist es, die Ewelina zu unerhörten Taten anspornt. Sei es, Musikunterricht gegen Autogrammkarten eintauschen zu wollen, oder für die weihnachtliche Opernaufführung die Schauspieler mit Christstollen zu ködern. Manchmal klappt's, manchmal nicht. Wenn nichts klappt, ist ja immer noch Opa da.
Karla Schneider, geboren 1938 in Dresden, arbeitete nach dem Abitur zunächst ein Jahr lang in einer Fabrik und machte danach eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bis 1979 war sie als freie Journalistin tätig. Sie übersiedelte nach Wuppertal, wo sie seit 1989 als freie Schriftstellerin lebt. 2008 erhielt Karla Schneider den Alex-Wedding-Preis der Berliner Akademie der Künste für ihr umfangreiches kinder- und jugendliterarisches Werk.
Buchtipp des Monats - Oktober 2008
- Klaus Funke
- Zeit für Unsterblichkeit
Ein Rachmaninow-Roman - Faber & Faber
- ISBN 978-3-86730-066-7
- € 18,00
Sergej Rachmaninow! Wer kennt nicht die kraftvoll romantischen Klänge seiner Klavierkonzerte? Die Musik dieses Mannes ist unsterblich geworden. Aber wer kennt Rachmaninows Leben? Seine Ängste, Zweifel, Freuden und Leiden und die Geheimnisse seines Herzens?
Der Roman rafft die ersten 35 Lebensjahre des Musikers und Komponisten, so atemlos sie waren, wie in einem Film zusammen. Der Sohn eines russischen Landadeligen, 1873 geboren, wächst im Wirbel der Umwälzungen in Rußland zum bewunderten Jungstar heran, wird aus der Heimat herausgeschleudert ins europäische Exil, ins Schicksal des schließlich ruhe- und heimatlosen Weltkünstlers. Faszinierend, welchen Zeitgenossen er begegnet, Tschaikowski, Rubinstein, Rimski-Korsakow, Tolstoi, welche Kunst- und Musikmetropolen er berührt, Paris, London, New York, Moskau und Dresden vor allem, und mit welch magischer Kraft er bedeutende Werke schafft.
Ein farbenreiches Bild der Zeit entsteht, ein fesselndes Panorama von Jahrzehnten des Umbruchs, in denen sich ein wundersames Musikerschicksal zur Unsterblichkeit hocharbeitet.
Buchpremiere am 14. 10. 2008, 19 Uhr, im Palais im Großen Garten
Lesung: 4. 12. 2008, 19 Uhr, im Stadtmuseum
- Jens Wonneberger
- Gegenüber brennt noch Licht
- Steidl
- ISBN 978-3-86521-778-3
- € 18,00
Der Mann kann nicht anders, ständig muß er Informationen sammeln: Tagsüber prüft Plaschinski Rentenanträge; morgens und nach Feierabend protokolliert er, was sich in den Fenstern seiner Nachbarn gegenüber ereignet. Daraus reimt er sich ihre Biographien zusammen. Ein Bewohner, dessen Fenster verdeckt sind, weckt seine besondere Neugierde: ein zunehmend kniffliger Fall für den selbsternannten Ermittler.
Der Held von Jens Wonnebergers neuen Roman bleibt am liebsten im Schutz seiner eigenen vier Wände, denn draußen ist er seinen Gefühlen für seine Kollegin Anna-Sophia ebenso ausgeliefert wie der peinlichen Rückenschule im Reha-Zentrum. Man könnte Pleschinski für einen Voyeur halten, einen leicht defekten Außenseiter. Dabei ist er ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft - das ist ja das Unheimliche.
Hinter jedem Fenster steckt eine Verheißung, eine Gefahr, ein Schicksal; ein glücklicher, ein seltsamer, ein gefährdeter Mensch. Die Tragikkomik im Gewöhnlichen und Alltäglichen verdichtet Wonneberger mit klarer Sprache und präzisem Blick zu einem Seelenporträt der deutschen Gegenwart.
Buchpremiere am 8. 10. 2008, 20 Uhr, im Erich-Kästner-Museum
- Sheridan Hay
- Die Antiquarin
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-24387-5
- € 8,95
Als Rosemary Savage mit achtzehn Jahren aus der australischen Provinz nach New York kommt, hat sie auf der Welt nicht mehr als einen kleinen Koffer und ihre Liebe zu Büchern. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt entdeckt sie das riesige Antiquariat "Arcade". Sie ist völlig bezaubert von diesem Ort, und als sie dem Inhaber eröffnet, dass sie hier unbedingt arbeiten muss, wird sie zu ihrem Erstaunen sofort eingestellt. Der Zufall führt Rosemary und ihren eigenwilligen Kollegen Oscar auf die Spur eines verlorengeglaubten Manuskripts von Herman Melville. Ein außergewöhnlicher Fund, den auch der rätselhafte Manager des "Arcade" mit allen Mitteln für sich gewinnen will ...
Anspielungsreich und humorvoll - eine stilistische Meisterleistung. Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Buchtipp des Monats - August 2008
- Undine Gruenter
- Sommergäste in Trouville
- Berliner Taschenbuch-Verlag
- ISBN 978-3-8333-0085-1
- € 9,90
Undine Gruenter erzählt vom Meer und den Sommergästen, von den Hotels und denen, die dort ihre Ferien verbringen, aber auch von jenen, die in den verlassenen Orten bleiben, wenn der Trubel der Hochsaison vorbei ist und im Herbst nur die immer gleichen Dauergäste bleiben. So war es in der Belle Époque, und so ist es heute noch: Wer im Sommer von Paris ans Meer will, der fährt an die bretonische oder normannische Küste. Doch die Zeiten und die Moden ändern sich, und der Glanz der großen Zeiten von Flaubert bis Proust ist verblasst auf den Promenaden und den Stränden, unter den Markisen der Cafés und in den Gärten der Ferienvillen. Undine Gruenter entwirft ein Tableau von faszinierenden Figuren: Da ist die Achtzigjährige, die seit Jahr und Tag hierher zurückkehrt und bereits von dem ewig gleichen Taxifahrer erwartet wird, und da ist das kleine Mädchen, das die Ruhe der schattigen Ferienvilla für seine ersten erotischen Versuche nutzt, da sind Künstler, Geschäftsleute und rätselhafte Müßiggänger. Mit großer atmosphärischer Dichte und sprachlicher Finesse lässt Undine Gruenter eine Welt entstehen, die von großer Wirklichkeit ist und zugleich immer wirkt wie ein Traum aus einer anderen Zeit.
Undine Gruenter wurde 1952 in Köln geboren. Sie studierte Jura und Literaturwissenschaft und veröffentlichte zahlreiche Romane und Erzählbände. Sie starb 2002 in Paris, wo sie seit Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebte.
- Julian Ayesta
- Helena oder das Meer des Sommers
- dtv
- ISBN 978-3-423-13471-2
- € 7,50
Julian Ayestas einziges längeres Prosawerk, der Kurzroman "Helena oder Das Meer des Sommers" aus dem Jahr 1952, gehört laut El Pais zu den "zehn wichtigsten Büchern spanischer Prosa im 20. Jahrhundert". Im erinnernden Rückblick taucht eine Welt sinnlicher Fülle auf, die ein Junge inmitten seines unbeschwerten Familienclans erlebt. Die Bruchstellen zum Erwachsensein, wo sich die Gewißheiten der Kindheit auflösen, werden suggestiv ausgeleuchtet. Das Buch erzählt eine Initiationsgeschichte, in der Sommer und Meer zu Symbolen des jugendlichen Aufbruchs und der Grenzenlosigkeit erster Liebe werden. Beschworen wird eine bukolische Welt, eine Oase der Zeit kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs.
"Helena oder das Meer des Sommers" ist ein Juwel sensibler Erzählkunst, das mit überwältigendem Erfolg in Spanien wiederentdeckt wurde.
Julian Ayesta, geboren 1919 in Gijón. Nach dem Studium der Rechte, der Philosophie und Literatur ging er in den diplomatischen Dienst. Er schrieb Theaterstücke, "Helena oder das Meer des Sommers" ist sein einziges längeres Prosawerk. Julian Ayesta starb 1996.
- Wlodzimierz Odojewski
- Ein Sommer in Venedig
- SchirmerGraf
- ISBN 978-3-86555-044-6
- € 14,80
Marek träumt davon, in den Ferien nach Venedig zu fahren. Das hatte Mama ihm versprochen. Aber der Sommer 1939 hält andere Überraschungen für ihn bereit. Er bleibt in Polen - und erlebt eine Reise, die das echte Venedig an Wundersamem, Überraschendem, Poetischem bei weitem übertrifft. Obwohl er erst neun ist, weiß Marek bereits alles über diese magische Stadt. Er hat den Gesprächen der Eltern gelauscht, Photos aus Zeitschriften ausgeschnitten, sich sein eigenes Bild von der Lagune, den Palästen und Kanälen zusammengeträumt: Kein Wunder, sind doch auch Mama und ihre schönen, leicht versponnenen Schwestern durchaus phantasiebegabt. Aber dann: anstatt nach Venedig wird Marek überraschenderweise zu seiner Tante Weronika geschickt, aufs Land in eine Jugendstilvilla, umgeben von Obstbäumen und einem verwunschenen Garten. Eines Tages entdeckt Marek im Keller des Hauses eine Wasserpfütze, die sich rasch vergrößert. Kein Zweifel, eine Thermalquelle! Seine Lieblingstante Barbara greift die Idee prompt auf… Während draußen vom strahlend blauen Himmel die ersten Bomben fallen, taucht Marek ein in eine Phantasiewelt, ohne zu ahnen, dass sie das Ende seiner Kindheit bedeutet.
Buchtipp des Monats - Juni 2008
- Peter Kurzeck
- Ein Sommer, der bleibt
Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit (4 Audio-CDs, 290 Minuten) - Suppose Verlag
- ISBN 978-3-932513-85-5
- € 34,80
Das Dorf Staufenberg im Landkreis Gießen liegt auf einer Felskuppe. Hoch oben die alte Burg. Wenn der böhmische Flüchtlingsjunge Peter vom Turm ins Tal blickt, kommt ihm das wogende Korn vor wie das Meer, das er nicht kennt, sich aber immer wieder vorstellen muss, und die Flugameisen, die nur hier und nur an wenigen, Jahr für Jahr wiederkehrenden Tagen Hochzeit feiern, erzählen ihm vom Sommer, der kommt. Er sieht die Menschen im Dorf, von denen er nun selbst einer ist, und er sieht all die Wege, die vom Dorf wegführen: in die Weite des Tals vor dem Autobahnbau, zur Lahn und den Lahnwiesen, wo er mit den anderen Kindern spielt und einmal fast sein Taschenmesser verliert, zur Mühle, wo er mit seiner Mutter um ein Säckchen Mehl bittet, zum Rex-Filmtheater Lollar und zur Buderus-Hütt, dem großen Eisenwerk, nach Gießen zum Papierwarenhändler und zum Teufelslustgärtchen, und nicht zuletzt nach Frankfurt, wohin er später mit seinem Freund Eckart in den großen glitzernden Amischlitten der GIs trampt. Ein Kaleidoskop an Geschichten fügt sich zu einem detailreichen Bild von Nachkriegsdeutschland und früher Bundesrepublik.
Hören und Sprechen nicht als Derivat des Geschriebenen zu begreifen, sondern ihm als eigenständiger Form Gehör zu verschaffen - das war von Anfang an das besondere Anliegen von supposé. Mit "Ein Sommer, der bleibt" gehen wir auf diesem Weg einen bedeutenden Schritt weiter: In langen Gespräch-Sessions haben supposé-Betreiber Klaus Sander und der Schriftsteller Peter Kurzeck das bislang weitgehend mit Wissenschaftlern und Philosophen entwickelte Produktionsverfahren der freien Erzählung für die Literatur angewandt. Herausgekommen ist ein Roman, der ausschließlich in akustischer Form existiert.
Vergleichbar der improvisierten Vortragskunst der legendären schwarzen Bluessänger, die er in den 60er Jahren in hessischen Army-Clubs gehört hat, gerät Peter Kurzeck aus dem Gespräch heraus ins Erzählen und findet so zu einer neuen Form des Romans: ein Text, der erst während der Rede, während der Aufnahme entsteht, ohne Buchvorlage oder Manuskript eine Beschwörung. So entspinnt sich aus einer Kindheit im Dorf Staufenberg ein exemplarisches Leben, in dem schließlich die Kunst der Erinnerung in eins fällt mit der Kunst der Literatur.
- Monika Maron
- Stille Zeile Sechs
- Süddeutsche Zeitung Bibliothek
- ISBN 978-3-86615-540-4
- € 5,90
Die DDR Mitte der achtziger Jahre: Rosalind Polkowski, zweiundvierzigjährige Historikerin, beschließt, ihren Kopf von der Erwerbstätigkeit zu befreien und ihre intellektuellen Fähigkeiten nur noch für die eigenen Interessen zu nutzen. Herbert Beerenbaum, ehemals ein mächtiger Funktionär, bietet ihr eine Gelegenheitsarbeit: Rosalind soll, da seine rechte Hand gelähmt ist, seine Memoiren aufschreiben. "Er war mir wegen seines kurzen, aus den Kniegelenken geworfenen und auf der ganzen Sohle landenden Schritts aufgefallen, eine Art der Fortbewegung, die ich häufig an alten Männern beobachtet habe,von denen ich annahm, daß sie es aus ihren jüngeren Jahren gewohnt waren, sicher und, wie meine Mutter sagen würde, forsch aufzutreten." Trotz Rosalinds Vorsatz, nur ihre Hand, nicht aber ihren Kopf in den Dienst dieses Mannes zu stellen, kommt es zu einem Kampf um das Stück Geschichte, das beider Leben ausmachte, in dem der eine erst Opfer dann Täter war, und als dessen Opfer sich Rosalind fühlt. Die Auseinandersetzung mit Beerenbaum lässt sie etwas ahnen von den eigenen Abgründen und den eigenen Fähigkeiten zur Täterschaft. Stille Zeile Sechs ist die Adresse Beerenbaums, eine ruhige, gepflegte Gegend für Privilegierte, weit entfernt von dem, was in den Straßen der DDR vor sich geht ...
- James Krüss
- Mein Urgroßvater und ich
- Oetinger
- ISBN 978-3-7891-0693-4
- € 7,50
Der zehnjährige Boy hat einen kranken Fuß, und auch Urgroßvater ist nicht sehr unternehmungslustig. Deshalb richten sie sich auf Urgroßmutters Dachstübchen ein und schmieden Verse - sieben Tage lang. Es gilt nämlich herauszufinden, was eigentlich ein wahrer Held ist. Auf Tapetenrollen schreiben beide eine Heldenkunde aus Geschichten, Gedichten, Balladen und manch kleiner Fabel zum Lob des Heldentums ...
James Krüss (1926-1997) zählt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt.
"'Mein Urgroßvater, die Helden und ich' ist ein Buch über Großherzigkeit und Mut, über wahres und falsches Heldentum, über Klugheit, List und Zivilcourage." (Wiglaf Droste)
Auch als Hörbuch, gesprochen von Wiglaf Droste erhältlich
(2 Audio-CDs, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-1170-0, € 17,90)
Buchtipp des Monats - April 2008
- Marcel Beyer
- Kaltenburg
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41920-5
- € 19,80
Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des "Dritten Reichs" flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden, welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien der DDR, wie erlebt der Ornithologe schließlich das Ende der DDR?
- Alain de Botton
- Glück und Architektur
- Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-046321-0
- € 22,90
„Was ist ein schönes Haus? Für den modernen Menschen ist dies eine unangenehme und vielleicht auch unbeantwortbare Frage, scheint doch der Begriff >Schönheit< nur noch dazu geeignet, fruchtlose und kindische Streitigkeiten auszulösen. Wie könnte jemand behaupten zu wissen, was gefällt? Wie wollte jemand zwischen widersprüch-lichen Stilen entscheiden, wie angesichts konträrer Geschmäcker eine bestimmte Wahl rechtfertigen? Der Anspruch, Schönes zu schaffen, einst die vermeintlich wichtigste Aufgabe jeden Architekten, verschwand stillschweigend aus allen ernsthaften Diskussionen, um als bloße Anforderung in den Köpfen verwirrter Laien zu überdauern.“ Mit elegantem Witz und melancholischem Charme untersucht Alain de Botton auf der Fährte seiner Bestseller »Trost der Philosophie« und »Kunst des Reisens« das verborgene Zusammenspiel von Architektur und Glück: von den Villen Palladios im Veneto bis zu den Wohnhäusern Le Corbusiers, von den Teepavillons in Kyoto bis zu den Türmen von Norman Foster in New York. Ob helles Tageslicht oder Geborgenheit des Schattens, Blümchen oder Bauhaus letztlich müssen wir in uns selbst schauen, um herauszufinden, welches Haus zu uns gehört."
- Peter Stamm
- Wir fliegen
- Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-075128-7
- € 17,90
"In der letzten seiner zwölf neuen Erzählungen deutet Peter Stamm ein kleines Selbstporträt an. Er lässt einen Maler zu sich selbst sagen: „Deine wahre Liebe gilt den Skizzen, den Stimmungen.” Peter Stamm weiß, worin er zu Hause ist, er weiß, was er am besten kann. Das lässt sich in seinem bisherigen Werk genau verfolgen: Auffällig gut gelingen ihm die kurzen Formen, einfühlsame Beschreibungen innerer Zustände, überschaubare, emotional angespannte Konstellationen. Aber irgendwie will er mehr. Und das wird auch gleich in der besagten Erzählung über den Maler deutlich: Sie weitet sich aus zu einer ausladenden Reflexion über das künstlerische Schaffen per se, mit kurzen, pathetischen Aufflügen. Das Stilmittel, den Maler in ein Selbstgespräch zu verwickeln, sich immer wieder fordernd mit du anzusprechen, ist jedoch schnell erschöpft. Es trägt nicht einmal diese wenigen Seiten. Es gibt Geschichten in diesem Band, die wunderbar in sich geschlossen sind, in denen man keinen falschen Zungenschlag und keine Überreizung spürt, da scheint sich der Autor seiner Mittel völlig sicher zu sein. „Drei Schwestern” ist so eine Erzählung, sie hallt lange nach und berührt auf sonderbare Weise. Heidi hat, in ihrer entlegenen Provinz, das Talent zum Zeichnen in sich entdeckt, und ihre Lehrerin ermutigt sie dazu, sich bei der Wiener Kunstakademie zu bewerben. Auf der langen Zugfahrt zu dem Bewerbungsgespräch bekommt sie jedoch Angst, und sie steigt mittendrin, in Innsbruck, aus, wo sie auf einer Parkbank von Rainer angesprochen wird. Mit ihm führt sie dann eine öde, durchschnittliche Ehe."
Süddeutsche Zeitung, 16.04.2008
- Anger-Schmidt/ Habinger
- Neun nackte Nilpferddamen
- Arena Verlag
- ISBN 978-3-401-02980-1
- € 7,90
Hin und wieder tauchen sie auf, die neun nackten Nilpferddamen. Zum Beispiel unter C wie Countdown. Da stehen sie zwischen zehn zähen Zackelschafen und acht alten Abenteurern. Oder unter E, bei den Eiern. Da spricht eine Schale mit roten Lippen von den grauen Nackerpatzeln. Oder unter J, dem tierischen Jahreskalender. Januar: Judokurs ... Dezember: Jingle Bells einstudieren. Unter S schließlich sind die Dickhäuter bloß zu suchen. Rund um sie herum purzeln inzwischen in unzähligen Beiträgen Buchstaben durcheinander, werden Wörter geschüttelt und Reime erfunden, Fragen gestellt, Geschichten erzählt und Bastelanleitungen gegeben. Neun nackte Nilpferddamen ist ein umfangreiches ABC der flotten Sprachspielereien. Jeder Buchstabe hat seinen Unsinn. Denn: Aller Unsinn macht Spaß. Noch Beispiele gefällig? Unter A tut Anna alles, was ein A enthält enthält. Sie lacht, mag Kalbsbratl und schnappt nach Saft. Unter A reimt sich A, der Aal, ein Prinzgemahl, auf Spital. Werden "Andere Ausdrücke für Auto" gesucht. Beginnt eine Alliteration mit "Als achtzehn Affenjunge an Achterbahnen arbeiteten". Selbstlautet es unter anderem "Albert Einstein ist ohne Unterkunft."
Einige Bücher sind zu Unrecht vergessen; keines ist zu Unrecht in Erinnerung.
W. H. Auden
Buchtipp des Monats - März 2008
- Andrej Stasiuk
- Fado
- edition suhrkamp
- ISBN 978-3-518-12527-4
- € 9,50
Während seiner Fahrten durch Albanien hört Stasiuk den Fado. Melancholie und sanfter Trotzdieser Musik sind auch den 24 kurzen erzählerischen Meditationen eigen, die thematisch wie geographisch einen weiten Bogen schlagen: von Südpolen bis Montenegro, vom Blick durchs Vergrößerungsglas auf eine alte Karte, die bosnische Dörfer verzeichnet, bis zu den Reflexionen über die neue Mobilität als Flucht aus der eigenen Geschichte, dem eigenen Leben. Gibt es eine bessere Metapher für die Reise als eine brüchige Landkarte? Gibt es eine noblere Art der Reise als die auf den Spuren eines Schriftstellers, dessen Bücher man bewundert? So eine Reise ist eine Pilgerfahrt. Und die Pilgerfahrt ist ja nichts anderes als die ältere Schwester der Reise als solcher. Reisen heißt leben. Jedenfalls doppelt, dreifach, mehrfach leben.
Ein Roman aus dem Geist von Hitchcock? Vielleicht. Aber eher ein Literatur gewordenes Mysterium von Tarkowskij, das in einer kunstvoll monologischen Sprache davon erzählt, wie das Absurde sich des Alltäglichen bemächtigt und die Wirklichkeit zu Fall bringt.
- Clemens Meyer
- Die Nacht, die Lichter
- S. Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-048601-1
- € 18,90
Er setzt alles auf eine Karte, der Hundebesitzer, der auf der Rennbahn sein Geld verwettet, um eine teure OP zahlen zu können. Sie will es allen zeigen, die junge Frau, und sich vom Flüchtlingsschiff in die erste Liga hochboxen. Sie reden eine Nacht lang, der junge Mann und eine alte Freundin, haben einander zufällig wiedergetroffen, sie denkt vielleicht an ein gemeinsames Leben, doch er weiß, dass es anders kommen wird.
Clemens Meyer erzählt von der Hoffnung, einmal im Leben den großen Gewinn einzustreichen, von dem Willen, etwas aus sich zu machen, und der verpassten Liebe. Seine Geschichten spielen in der stillen Wohnung, in der Lagerhalle und am Fluss. Seine Helden sind dem Leben ausgesetzt, es sind die Heimatlosen und Träumer, die die nächtliche Stadt durchstreifen. Meyer trifft die Töne unserer Zeit: In seinen rauen, präzisen und zarten Sätzen spricht er von verlorenen Illusionen, von Sehnsucht und Einsamkeit.
- Peter Stamm
- An einem Tag wie diesem
- Fischer TB
- ISBN 3-596-17383-3
- € 7,95
An einem Tag wie diesem ändert Andreas sein Leben. Ihn packt eine Sehnsucht, die zwischen Heimweh und Fernweh nicht mehr unterscheidet. Er wirft alles hin, verkauft seine Wohnung und kündigt seine Stelle in Paris, um nach einem halben Leben zu der Frau zurückzukehren, die er einmal geliebt hat. Die Gleichheit der Tage war sein einziger Halt, jetzt hofft er auf ein Wunder und darauf, dass alles neu beginnt. Seine Reise führt ihn in die Provinz seiner Jugend und wieder weg bis ans Ufer des Atlantiks, in die Arme einer Frau, deren Liebe er beinah verspielt hatte.
Wenn die Wünsche übermächtig werden, muss der nächste Tag ein anderer werden. Nach „Agnes“ und „Ungefähre Landschaft“ erzählt Peter Stamm in seinem Roman „An einem Tag wie diesem“ wieder meisterhaft von der Liebesunfähigkeit und dem brennenden Verlangen nach dem großen Gefühl, er erzählt von der Wirklichkeit, die wie ein Traum vergeht, bis man sein Leben selbst in die Hand nimmt.
- Christian Lehnert
- Auf Moränen
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41954-0
- € 16,90
Sie stellen sich den Fragen nach der eigenen Existenz: der Bausoldat, der sich in der monotonen Plackerei auf Rügen zwischen"Gleichschritt"und"Normzeit"abhanden zu kommen droht; der Anpassungsvirtuose Erich Mielke, für den das Wort Ich ein"bloßes Stochern im Dunkel"ist; oder Apostel Paulus, der auf das Komme vertraut und das Hier und Jetzt als Zwischenzustand begreift: "Wie ein Buchstabe, / aufgerissenes Auge, nicht von dem Buch wissen kann, / das ihn enthält, / kann ich nicht lesen, wo ich bin.
"Auf Moränen erklingen diese Stimmen, unter ihnen ein Berg von Erlebnissen und Geschichte, Gedankengeröll, das sich übereinanderschiebt. Christian Lehnert spürt in seinen Gedichtzyklen tastend, drängend den Identitätsfragen nach, wie sie vom Urchristentum bis in die Gegenwart reflektiert werden, und entfaltet ein Wortgewebe voll dunklem Glanz"
(Gerhard Kaiser).
Lesung mit dem Autor am 9. April 2008, 20 Uhr
- Philip Roth
- Jedermann
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-24594-7
- € 8,95
Philip Roth‘s Roman ist eine intime und doch universale Geschichte von Verlust, Reue und stoischem Gleichmut. Roth zeichnet das Schicksal seines Jedermann nach, von der ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod an dem idyllischen Strand seiner Kindheitssommer bis hin zu der Zeit, als ihm die Hinfälligkeit seiner Altersgenossen und die eigene Gebrechlichkeit zusetzen. Sein Thema ist das, was wir alle erleben und was uns doch so erschreckt. Das terrain dieses gewaltigen Romans ist der menschliche Körper. Sein Thema ist das, was wir alle erleben und was uns doch erschreckt.
- Andreas Steinhöfel
- Rico, Oskar und die Tieferschatten
- Carlsen Verlag
- ISBN 978-3-551-55551-9
- € 8,95
Eigentlich soll Rico ja nur ein Ferientagebuch führen. Schwierig genug für einen, der leicht den roten oder den grünen oder auch den blauen Faden verliert. Aber als er dann auch noch Oskar mit dem blauen Helm kennen lernt und die beiden dem berüchtigten ALDI-Kidnapper auf die Spur kommen, geht es in seinem Kopf ganz schön durcheinander. Doch zusammen mit Oskar verlieren sogar die Tieferschatten etwas von ihrem Schrecken. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft .
Buchtipp des Monats - Februar 2008
- Jörg Bernig
- Weder Ebbe noch Flut
- mdv
- ISBN 978-3-89812-464-5
- € 18,00
Die Geschichte der großen Liebe von Albert und Dorothee beginnt 1983 am Rande eines Kirchentages in Leipzig. Ein Kind soll für die beiden ein Zauberspruch gegen einen Alltag sein, mit dem sie nichts anfangen können. Doch Dorothee wird nicht schwanger, auch die Medizin vermag nicht zu helfen. Dann fällt die Mauer, neue Möglichkeiten tun sich auf, aber Albert entbindet Dorothee von ihrem Versprechen auf ein gemeinsames Leben. Er verlässt sie aus Liebe, damit wenigstens sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen kann. Er selbst geht nach Wales - wie er sagt: ans Ende der Welt. Dort will er seine Forschungen zu Adalbert Stifter abschließen, dessen Ehe ebenfalls kinderlos geblieben war. Und noch tiefer reicht die Verbindung Alberts mit dem Leben Stifters: Als Albert einige Jahre später zum Abschluss seiner Forschungen nach Oberplan, Stifters Geburtsort in Böhmen, reist, lebt Dorothee dort.
Jörg Bernig erzählt die Geschichte einer großen Liebe, die durch Kinderlosigkeit in Gefahr gerät. Die Art und Weise, wie er die Liebenden in den Jahren vor und nach den Herbstereignissen von 1989 zeichnet und dies behutsam mit biografischen Details aus dem Leben Adalbert Stifters verbindet, macht diesen Roman zu einem Buch der Romantik von heute - einer Romantik, gegen die das alltägliche Leben steht.
- David Albahari
- Die Ohrfeige
Eine höllisch-spannende Geschichte - Eichborn Verlag
- ISBN 978-3-8218-5785-5
- € 22,95
Der Erzähler in David Albaharis neuem Roman hat viel Zeit. Einmal die Woche schreibt er eine Kolumne für eine Belgrader Zeitung, ansonsten macht er das, was viele in zerfallenden autoritären Regimen tun: Er macht sich unsichtbar. Was bleibt, sind die kleinen, täglichen Rituale, die ihn daran erinnern, dass das Leben wirklich vergeht: der morgendliche Spaziergang an die Ufer der Donau, die von Joints befeuerten philosophischen Gespräche mit Marko, seinem besten und einzigen Freund - und die langen, dunklen Nächte in seiner kleinen Wohnung, die er mit alten Vinylplatten von Cream, den Beatles und Marianne Faithfull teilt. Den Zumutungen des Alltags begegnet er mit einer humorvollen Melancholie, die sich als stoischer Fatalismus tarnt - bis eine zufällige Beobachtung seine Neugier weckt: Ein junger Mann ohrfeigt eine junge Frau. Sein unmittelbarer Impuls, dem Übeltäter zu folgen, weicht dem Gefühl der Unsicherheit, als er einen weiteren Mann bemerkt, der ihn und die Szene gesehen hat. Kurz darauf sind beide Männer und die Frau verschwunden, und unser namenloser Erzähler versucht ein Rätsel zu lösen, das scheinbar keine Lösung hat...
Ein Roman aus dem Geist von Hitchcock? Vielleicht. Aber eher ein Literatur gewordenes Mysterium von Tarkowskij, das in einer kunstvoll monologischen Sprache davon erzählt, wie das Absurde sich des Alltäglichen bemächtigt und die Wirklichkeit zu Fall bringt.
- Jutta Richter
- Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil
Erzählung - DTV
- ISBN 978-3-423-62041-3
- € 6,95
Sie hocken in Opa Schultes Schuppen: der zugelaufene Hund und die beiden Kinder Prinz Neumann und Lotta. Die Kinder fragen den Hund, woher er kommt. Da fängt er an zu erzählen. Denn er weiß: Wenn er erzählt, kriegt er Hähnchenhaut zu fressen und einen Schlafplatz im Schuppen.
Und er erzählt: von G. Ott, in dessen Garten er einmal gelebt hat und von Lobkowitz, der der beste Freund von G. Ott war. "Geht nicht gibt`s nicht!" war dessen Motto, und G. Ott wurde nicht müde, die Welt zu erschaffen. Doch das ist lange her. Als nämlich alles erfunden war, wollte G. Ott Freunde haben, mit denen er alle Schönheit teilen konnte. Lobkowitz, zuerst dagegen, sah eines Abends seine Stunde gekommen und führte ihm beim Zeichnen die Hand. So entstanden die Menschen, ungehobelte Barbaren, die den Erfinder verhöhnten.
Da vertrieb sie G. Ott aus dem Garten, auch Lobkowitz mußte gehen. Seitdem irrt Lobkowitz in der Welt umher, eine traurige Gestalt, die nachts mit der Eule redet und mit dem Himmel.
Auch als Hörbuch erhältlich (4 Audio-CDs, Igel Records, ISBN 978-3-89353-235-3, € 19,95)
Buchtipp des Monats - Januar 2008
- Edward Güldner
- Böhmische 21
- Notschriften-Verlag Radebeul
- ISBN 978-3-940200-10-5
- € 11,90
"Bei Hinterhöfen hatte ich immer die Vorstellung von dunklen Löchern, in denen kein Grün eine Chance hat und das Tageslicht sich nur an den oberen Rändern der Dächer zeigt, bewohnt von lichtscheuen, düsteren Personen; kannte ich doch hauptsächlich die trostlosen, aneinandergereihten Berliner Gevierte und in Dresden nur einige Höfe in Pieschen, so war ich überrascht, hinter dem geduckten, von Kindern bunt beklecksten Häuschen, einen hellen, großen Hof zu finden, in dem Blumen, Sträucher und Bäume wuchsen und in den die Zweige einer mächtigen Kastanie ragen ..."
Neuausgabe 2007 der Erzählungen von 1998, Hardcover, 80 Seiten
Mit Zeichnungen von Rainer Wriecz
- Undine Materni & Jörg Bretschneider
- Teufelshuf und Himbeerbrause
Eine höllisch-spannende Geschichte - Edition Sächsische Zeitung
- ISBN 978-3-938325-42-1
- € 12,90
Der Teufel, er nennt es Höllenleid, wir Menschen, wir nennen es - LIEBE. Die glücklichen Großeltern sind gerade in ihr kleines Häuschen am Rande der Stadt gezogen, da bekommen sie unerwarteten Besuch. Der Kerl mit dem Pferdehuf steht plötzlich in der Tür. Er will die Großeltern richtig verteufeln und denkt sich mit seinen Kumpanen - der Hexe, dem Gerippe und den beiden Irrlichtern - üble Gemeinheiten aus um sie auseinander zu bringen. Denn eines kann er überhaupt nicht leiden, wenn sich Leute richtig lieb haben. Nach vielen Bosheiten und schlaflosen Nächten begibt sich Großvater auf die Suche nach dem Teufel, um ihm das Handwerk zu legen. Dabei macht er eine merkwürdige Entdeckung: der Teufel wohnt nicht in einer dunklen Höhle sondern in einem wunderschönen Schloss, wo es täglich Schokoladenpudding und Himbeerbrause gibt. Und der Teufel scheint auch garnicht mehr so böse zu sein...Ob sich Großvater wieder von ihm täuschen lässt? Eine höllisch-spannende Geschichte für mutige Kinder ab 9 und verliebte Großeltern
- Peter Handke
- Die morawische Nacht
Erzählung - Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41950-2
- € 28,00
"Die Jahreszeit: nicht lang nach Frühlingsanfang. Neumond. Leichter Nachtwind, verstärkt in Flussnähe." Präzise beschreibt Peter Handke die Szene gleich am Beginn. Wir befinden uns an der Morawa, einem Nebenfluss der Donau in Serbien, der schon einmal - in der "winterlichen Reise" - Schauplatz der Handkeschen Prosa war. Dort liegt ein Boot vor Anker, bewohnt wird es von einem ehemaligen Autor. Der Name des Bootes: "Die Morawische Nacht". Als eine Abwandlung von "Tausendundeine Nacht" hat Peter Handke seine große Erzählung beschrieben. Samara hätte sie heißen sollen, was so viel bedeutet wie "die Nacht im Gespräch verbringen". Und eine Nacht lang erzählt auch der Bootseigner, der ehemalige Autor, sieben Zuhörern von seiner Rundreise durch Europa, einer Rundflucht, Irrfahrt, Todesfahrt oder einem "Amoklauf", wie es auch heißt. Auf der Flucht ist er vor einer Frau, seiner Todfeindin, einer Unbekannten. Viel ist auch von einer unbekannten Gefahr die Rede, einer so genannten inneren Gefahr, die diesen Autor antreibt - für Handke Anlass zu ironischen Kommentaren. Es sind die Schreib- und Lebensorte des Peter Handke, an denen der Erzähler der "morawischen Nacht" Station macht: auf der Adria Insel, auf der er sein erstes Buch geschrieben hatte - die Insel Krk bekommt da den Phantasienamen Cordura -, in der spanischen Meseta, die wir bereits aus dem "Versuch über die Jukebox" kennen, oder auch am Herkunftsort seines verstorbenen Vaters im Südharz. Weiter geht dann die Reise zu seinem "vorgenommenen Hauptziel: Dem tiefen Österreich". Nach Wien, nach Graz und in die Kindheitsgegend Kärnten. Ein Satz dazu: "An einem fremderen Ort, unter fremderen Menschen, Tieren, Dingen als jetzt hier in der Stammgegend hatte er sich nie bewegt." Vertraut sind dem Handke-Leser die Schauplätze, Themen und Motive, die die gesamte morawische Nacht durchziehen - von dem Debüt "Die Hornissen" bis zu dem großen Roman "Der Bildverlust". Filip Kobal aus der "Wiederholung" tritt ebenso auf wie Gregor Keuschnig aus der "Stunde der wahren Empfindung". Zu guter letzt landet der Erzähler wieder auf dem Balkan - zuhause. Er kehrt zurück zu seinem Boot, das sich im Lauf der morawischen Nacht in Nichts aufgelöst hat. Die Morawa ist versiegt, die nächtliche Erzählung ein Traumgebilde, die Morawische Nacht eine Fiktion. "Was hatte er bloß bei den Verlorenen auf dem Balkan zu suchen gehabt?", fragt der Erzähler am Ende der Geschichte. Und "...war das überhaupt noch der Balkan. Nach seinen ausführlichen Auslassungen zum Krieg am Balkan setzt Peter Handke jetzt in der "Morawischen Nacht" seine Weltpoetisierung fort - sprachmächtig, souverän und virtuos. Reiseskizzen und Episoden wechseln mit Reflexionen über das Böse, das Schreiben, und über die Stille, der weihevolle Ton kippt immer wieder in Ironie und Selbstironie. Einmal mehr erweist sich Handke als Meister des genauen Hinschauens, des präzisen Benennens, der poetischen Verdichtung. Peter Handke hat ein großes Lebensbuch geschrieben.
Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei den beschreibenden Texten um Informationen des Verlages.
Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.
Jean Paul
Unsere Buchempfehlungen des Monats: