Jedes Buch ist eine Hand, die nach unserer Hand greift.
Vilém Flusser
Buchtipps des Monats - Winter 2012
- Marcel Beyer
- Putins Briefkasten
- Suhrkamp TB 2012
- ISBN 978-3-518-46324-6
- € 8.95
Eines Morgens, in einer ihm "selber nicht ganz klaren Anwandlung", fährt Marcel Beyer an den Stadtrand von Dresden, um dort einen Briefkasten noch einmal zu sehen, nicht irgendeinen, sondern den Wladimir Putins, der in den achtziger Jahren hier lebte. Er findet ihn nicht mehr vor. Aber was Beyer auf seiner Spurensuche wahrnimmt und aufschreibt, entwickelt sich unterderhand zu einem Kurzporträt Putins, das erhellender ist als jede dickleibige politische Biographie. Was immer Beyer in seinen Erzählungen und Skizzen in den Blick nimmt - seien es Blumen oberhalb des Genfer Sees, eine von Rimbaud aufgegebene Kleinanzeige, ein einäugiger Löwe im Dresdner Zoo, von Dostojewski zum Brüllen gebracht, ein kleinformatiges Gemälde von Gerhard Richter oder Lessings Ofenschirm in Wolfenbüttel -, stets entzünden sich an konkreten Phänomenen seine Überlegungen zu Sprache, Kultur und politischer Geographie.
"Putins Briefkasten", Marcel Beyers Sammlung seiner bisher unveröffentlichten Erzählungen und Denkbilder, ist ein Buch über Wahrnehmung, Stil, über das Hören und Schreiben. Und wir werden, während wir diese Abfolge einzelner Momente und Bewegungen staunend lesen, so ganz nebenbei zu blitzartigen, überraschenden Einsichten geführt.
- Eva Hornung
- Dog Boy
- Suhrkamp TB 2011
- ISBN 978-3-518-46288-1
- € 9.99
Moskau: Ein vierjähriger Junge erwacht in einer kalten leeren Wohnung. Er wartet auf den Onkel, doch der kommt nicht nach Hause. Auch seine Mutter nicht, deren Ermahnungen er im Ohr hat. Der Junge hat Angst vor dem Onkel, der ihm verboten hat, sein Zimmer zu verlassen. Doch er ist hungrig, faßt Mut und verläßt die Wohnung. Der Junge, Romochka, ist allein. Es schneit, die Menschen beachten ihn nicht, nur ein Hund nähert sich ihm, aggressiv, dann neugierig. Romochka folgt dem Hund, und der Hund - die Hündin - gestattet ihm zu folgen. Hin zu ihrer Höhle in einem verlassenen Gebäude. Zu seiner neuen Familie. Romochkas Leben als Hund beginnt.
„Dog Boy“ befasst sich intensiv mit der Frage, was das Menschsein ausmacht, wie wir zu Menschen werden und wie wir es schaffen, an unserer Menschlichkeit, wenn wir sie einmal besitzen, festzuhalten.
- Guus Kuijer
- Ein himmlischer Platz
- Oetinger TB 2011
- ISBN 978-3-8415-0110-3
- € 6.95
Für Leser ab 10 Jahren
Eigentlich ist es ein ganz gewöhnlicher Tag, und eigentlich ist Florian ein ganz gewöhnlicher Junge. Bis sich mit einem Mal ein kleiner Spatz auf seinen Kopf setzt! Jetzt erklärt ihm Katja aus seiner Schule, dass sie in ihn verliebt ist - und Florian bekommt ein Kribbeln im Bauch. Und dann lernt er die alte Frau Raaphorst kennen, die ihren Hausschlüssel vergessen hat. Das ist an sich nicht schlimm, doch Florian verwirrt, dass sie zu dem Schlüssel "Gabel" sagt. Er beschließt mit Katja, der alten Dame zu helfen. Ziemlich viel für einen gewöhnlichen Tag - und noch ist es nicht Abend.
„Manche Autoren schreiben dicke Wälzer und erzählen Geschichten ohne Tiefe. Guus Kuijer berichtet in einem schmalen Bändchen von ein paar Ereignissen im Leben eines Kindes und öffnet uns damit eine ganze Schatztruhe von Dingen, die die Welt bewegen.“ (FAZ)
Buchtipps des Monats - November 2011
- Jens Wonneberger
- Sture Hunde
- Steidl 2011
- ISBN 978-3-86930-359-8
- € 19.90
Martin Rohrbach kehrt nach Jahren zurück ins Windmühlenhaus. Dort, in der Nähe des Dorfes allein auf einem Hügel, hat sein Vater gewohnt bis zu seinem Tod. Nur kurz will Martin bleiben, den Vater beerdigen, das Nötigste erledigen und danach nichts wie weg. Doch plötzlich fragt er sich, was es mit der Freundschaft seines Vaters zum alten Lindner auf sich hatte. Warum haben die beiden so lang um diesen unscheinbaren Streifen Land gerungen, der das Windmühlenhaus umgibt? Und was ist aus Martins Jugendgefährten geworden, was aus seinen Rivalen? Alte Freundschaften und Begehrlichkeiten, ein verborgener Schatz und ein nie verjährter Verrat halten ihn zurück in dieser flirrenden Sommerlandschaft, die bei aller Schönheit zum Idyll nicht taugt: Zu weit weg ist das Meer, zu nah die Autobahn, zu weit weg die Arbeit und viel zu nah eine lang geliebte Frau. In kräftigen Farben und zarten Tönen erzählt Jens Wonneberger davon, wie Menschen aufeinander treffen und alles auf eine Karte setzen, um das zu erreichen, was ihnen das Glück bedeutet.
- Volker Sielaff
- Selbstporträt mit Zwerg
- luxbooks 2011
- ISBN 978-3-939557-98-2
- € 22.00
"Es ist nur dieser kleine Ausschnitt im Hof/ ein Stück Aussicht, die ich habe von meinem/ Fenster ... " Volker Sielaff ist ein bescheiden auftretender Dichter der leisen Töne. Dagegen aber steht das ungewöhnlich vielstimmige Konzert der Lobeshymnen, das seinen Debütband "Postkarte für Nofretete" begleitet hat: Welt, Süddeutsche, taz, Frankfurter Rundschau, von Michael Braun bis Joachim Sartorius, man feierte einstimmig den Dichter des "Verschwindens im Bild". In der luxbooks.lyrik erscheint nun der lang erwartete zweite Band Sielaffs. Volker Sielaff (Jg. 1966) wurde in Großröhrsdorf geboren. Seine Gedichte sind in zahlreichen Zeitschriften und in einflussreichen Anthologien wie Lyrik von Jetzt I erschienen und vielfach übersetzt. Sein erster Gedichtband "Postkarte für Nofretete" erschien 2003. 2007 wurde ihm der Lessing-Preis verliehen. Seine Rezensionen und Porträts erscheinen im Tagesspiegel und den Dresdner Neuesten Nachrichten. Sielaff lebt mit seiner Familie in Dresden, wo das von ihm mitbegründete Literaturforum Dresden regelmäßig Lyriklesungen organisiert.
"Das Verschwinden im Bild könnte ein Thema für die Gedichte Volker Sielaffs sein. Das lyrische Ich, das in seinen Gedichten behutsam die Koordinaten seiner Lebenswelt erforscht, ist kein gefestigtes, seiner selbst gewisses, prahlerisches Ich. Es ist ein fragiles, skeptisches, nach der Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit der eigenen Wahrnehmungen forschendes Subjekt, das sehr genau seinen eigenen Standort überprüft und auch die Möglichkeiten des Verschwindens kennt." (Michael Braun)
"Eine sanfte, nicht zornige Stimme, die in Andeutungen, in Schnappschüssen, in Ausschnitten das Leben vor unsere Augen legt, uns leicht, aber eindringlich sagt, wie wichtig der Augenblick ist, und so unser Herz unter Spannung setzt." (Joachim Sartorius)
"Er ist der Chronist, der die unscharfen, glanzlosen Bilder der Straße zu einem neuartigen subtilen Sprachsystem ordnet. In dem, was einfach geschieht, kehrt er - mit Novalis - den inneren "Geheimniszustand" nach außen. Das macht ihm so leicht keiner nach." (Georg Winckler, Die Welt)
"Es gibt eine Unverzagtheit etwa bei Sielaff, Wagner, Urweider oder Arne Rautenberg, die sich auch publizistisch bemerkbar macht und die sich für das Andere, das Fremde begeistert. Das hat selten was regionales und verrät Metropolen im Kopf." (Haucke Hückstädt, Frankfurter Rundschau)
"Stets ist diesen Gedichten das Element der Selbstreflexion beigemischt. Aber auch wenn es Gedicht heißt, verliert sich keines im Sprachskrupel. Lieber nutzt es die Selbstbefragung als spanische Wand, hinter der die Liebe zu ihrem Recht (und zur Sprache) kommt." (Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung)
- Jan Wagner
- Die Sandale des Propheten. Beiläufige Prosa
- Berlin Verlag 2011
- ISBN 978-3-8270-1047-6
- € 19.90
Wenn Jan Wagner Prosa schreibt, schreibt er über Poesie. Wer nach Lektüre dieses, von Leidenschaft durchdrungenen Essaybandes nicht für die Sache der Lyrik gewonnen ist, muss taub und blind sein, oder schlimmer noch, hat nie Jan Wagners Gedichte gelesen.
Sollte nicht jeder Schriftsteller Gedichte schreiben, fragt man sich bei der Lektüre dieser Essays und Porträts, und freut sich an der glänzenden Prosa, die so deutlich von der Kunst der Verdichtung, von der sprachlichen Hellhörigkeit des Lyrikers geprägt ist. Mit Eleganz und Belesenheit widmet sich Jan Wagner poetologischen Fragen, zeichnet prägnante und sehr persönliche Kollegenporträts von Whitman und Heym, über Benn und Beckett zu Matthew Sweeney und Simon Armitage. In seiner Lyrik erweist sich Jan Wagner stets als grandioser Geschichtenerzähler; diese Gabe zeigt sich auch in seinen Essays. Der Abstecher in das stinkende Inferno der Hundeschau von Bratislava, die Taschenkontrolle am Flughafen von Lviv, der Schlagabtausch zwischen Wallace Stevens und Robert Frost - wer würde diese Szenen je wieder vergessen? Um viele wunderbare Anekdoten und Leseanregungen reicher, legt man schließlich die Sandale des Propheten aus den Händen, bereit, für die Lyrik durchs Feuer zu gehen, und durchdrungen von der Gewissheit, dass ein Leben ohne Poesie kein Leben wäre.
- John Burnside
- Glister
- btb 2011
- ISBN 978-3-442-74219-6
- € 9.99
Der neue Burnside - einzigartig, verstörend poetisch. Nach "Glister" sieht man die Welt mit anderen Augen.
John Burnside hat gleich mit seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman Leser und Kritiker fasziniert. Jetzt kommt "Glister"- ein schockierend ehrliches Buch über Vereinsamung und moralische Verwahrlosung. Erst verschwindet ein Junge spurlos, dann weitere. Doch niemand scheint beunruhigt. Schon lange kümmern sich die Erwachsenen nicht mehr um ihre Kinder, zu sehr sind sie mit sich und ihren Sorgen beschäftigt. Einst lebten sie in einer blühenden Stadt - doch dann siegten Egoismus und grenzenlose Gier. Nun ist alles vergiftet und ohne Hoffnung. Ist es da nicht verständlich, dass die Jungen, die noch eine Zukunft sehen, einfach abhauen? Man will diese Version glauben und geht zur Tagesordnung über. Nur der Polizist Morrison hat etwas Schreckliches gesehen - und schweigt. Denn er hat seine Seele längst verkauft. Doch die Kinder der Stadt sind ruhelos. Der 15-jährige Leonard weigert sich, seinen verschwundenen Freund Liam verloren zu geben. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Burnside gelingt mit "Glister" etwas Unvergleichliches: Indem er eine vor Spannung vibrierende Geschichte erzählt, hält er einer innerlich erkalteten Gesellschaft den Spiegel vor und schenkt ihr gleichzeitig mit Leonard die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dieser Roman ist unwiderstehlich, anrührend, verstörend poetisch - und ganz ohne Beispiel.
- Gerard Donovan
- Winter in Maine
- btb 2011
- ISBN 978-3-442-74224-0
- € 9.99
Kann man sich für den Verlust der vollkommenen Liebe rächen? Julius Winsome lebt zurückgezogen in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Der Winter steht vor der Tür, er ist allein, aber er hat die über dreitausend Bücher seines Vaters zur Gesellschaft und vor allem seinen Hund Hobbes, einen treuen und verspielten Pitbullterrier. Eines Nachmittags wird sein Hund aus nächster Nähe erschossen, offenbar mit Absicht. Der Verlust trifft Julius mit ungeahnter Wucht. Und er fasst einen erschreckenden Entschluss
"Ein kleines Meisterwerk ... eines jener seltenen Bücher, die lebensklug und dabei höchst unterhaltsam sind." (Colum McCann)
- Charles Lewinsky
- Einmal Erde und zurück. Der Besuch des alten Kindes
- dtv 2009
- ISBN 978-3-423-62401-5
- € 7,95
Das alte Kind kommt von einem fernen Planeten, wo die Menschen als Erwachsene geboren werden und dann ganz langsam zu vernünftigen Kindern werden. Bei seinem Besuch auf der Erde stellt das alte Kind alles auf den Kopf. Es verwirrt den Stadtrat, der mitten durch den Park eine Schnellstraße plant, es befreit die Tiere im Zoo, die ja nichts verbrochen haben und zu Unrecht hinter Gittern sitzen. Und so ganz nebenbei muss der Erwachsene, bei dem es einzieht, einiges dazulernen - manchmal unfreiwillig, aber immer mit viel Grund zum Lachen. Ab 10 Jahre
"Dieses Kind, ein liebenswerter, anarchischer Lausekerl wie Sams und Konsorten, lehrt, Gewohntes neu zu sehen." (Darmstädter Echo)
Buchtipps des Monats - Herbst 2011
- Yôko Ogawa
- Das Ende des Bengalischen Tigers
- Liebeskind 2011
- ISBN 978-3-935890-75-5
- € 18.90
In elf miteinander verwobenen Geschichten entwirft Yoko Ogawa eine Alltagswelt, in die unvermittelt etwas Fremdes, Bedrohliches einbricht: Eine Frau möchte zum zehnten Geburtstag ihres Sohnes, der vor Jahren durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, in einer Konditorei zwei Erdbeertörtchen kaufen. Doch als sie den Laden betritt, kommt niemand, um sie zu bedienen. Die zierliche Konditorin steht mit dem Telefonhörer am Ohr hinten in der Küche und weint stumm vor sich hin. Einige Jahre zuvor bekommt eine Schriftstellerin von einer alten Witwe, bei der sie zur Untermiete wohnt, eine Karotte geschenkt, die einer menschlichen Hand ähnelt. Sogar die Lokalnachrichten interessieren sich für die merkwürdige Karotte. Doch kurz darauf macht die Polizei im Gemüsegarten der Witwe einen grausigen Fund. Was hat eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, mit einer alten Witwe zu tun, deren Mann vor Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist? Yoko Ogawa spinnt ein feines Netz von Geschichten, die in einer rätselhaften Welt spielen. Alle Figuren folgen ihrem eigenen unergründlichen Schicksal, und doch kreuzen sich ihre Wege, während sie wie im Traum an den Abgründen des Lebens entlangwandeln.
- Clemens J. Setz
- Söhne und Planeten
- btb 2010
- ISBN 978-3-442-73902-8
- € 8,50
Rene Templ, ein Schriftsteller als junger Mann, findet in Karl Senegger seinen Mentor, eine geistige Vaterschaft. Umgekehrt entzieht er sich seiner Verantwortung gegenüber Frau und Kind: Er schrumpft auf die Größe seines Sohnes, sobald er sich als Vater gefordert glaubt. Als Vater wiederum hat Karl Senegger versagt, sein Sohn Viktor springt in den Tod. Eine Kurzschlussreaktion, der finale Abfall der Spannung in einer Verbindung zwischen gleichen wie ungleichen Teilen? Oder der verzweifelte Versuch, sich gegen den zu behaupten, dem man das Leben verdankt? Karl Senegger flüchtet vor seiner Verantwortung. Der Vater, der seinen Sohn verloren hat, wird zum Herausgeber von dessen literarischer Hinterlassenschaft. In vier Erzählungen, die er über ihre Themen, ihre Figuren und Motive zu einem Roman komponiert, zeigt Clemens J. Setz, wie Väter an ihren Söhnen wachsen und Söhne an ihren Vätern und wie sie aneinander zerbrechen.
Dass einer, der 1982 geboren ist, auf Anhieb ein so gescheites Buch über die Dynamik zwischen Vätern und Söhnen schreibt, das findet Richard Kämmerlings beinahe "beängstigend". Dieses Debüt ist seiner Meinung nach eines der besten des Jahres, was nicht nur an der "psychologischen Einfühlungskraft" des Autors liegt oder an seiner sprachlichen Sorgfalt. Clemens J. Setz setze sich über die realistische Tradition des Familienromans hinweg und untersuche multiperspektivisch mehrere Vater-Sohn-Beziehungen, die anfangs nichts miteinander zu tun haben. Wie Planeten aber befinden sich die Figuren dann aber doch alle in einem gemeinsamen Kraftfeld rund um den genialen Jungautor Victor wieder, wie der Rezensent mit Hochachtung feststellt. Das mache den Roman ebenso mehrschichtig wie gehaltvoll und veranlasst Kämmerlings, diesen Erstling als literarische "Geisteskinetik" zu preisen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007 (Quelle: perlentaucher.de)
- W. G. Sebald
- Austerlitz
- Fischer TB 2003
- ISBN 978-3-596-14864-6
- € 9,95
Wer ist Austerlitz? Ein rätselhafter Fremder, der immer wieder an den ungewöhnlichsten Orten auftaucht: am Bahnhof, am Handschuhmarkt, im Industriequartier ... Und jedes Mal erzählt er ein Stück mehr von seiner Lebensgeschichte, der Geschichte eines unermüdlichen Wanderers durch unsere Kultur und Architektur und der Geschichte eines Mannes, dem als Kind Heimat, Sprache und Name geraubt wurden.
Zusammengehalten wird dieses Unternehmen durch eine einzigartige Sprache: W. G. Sebald ist ein Meister der literarischen Vergegenwärtigung und des Periodenbaus. Der ruhige Wellenschlag seiner Sätze erinnert an eine längst vergangene Kunst, die ins neunzehnte Jahrhundert zu gehören scheint, zu Adalbert Stifter vielleicht. In dieser Sprache wird das Persönliche, das Private, zu etwas schlicht und einfach Vorfallenden, und das Große schrumpft, und doch verliert es nicht das Ungeheuerliche. Diese Sprache bringt alles, was sie berührt, auf mehr oder minder menschliches Maß – auch das Unmenschliche. (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung, 9. Februar 2008)
- Patricia Duncker
- Die Germanistin
- DTV 2009
- ISBN 978-3-423-13502-3
- € 9,90
Philosophie als Folie für den Roman - ein beliebtes, ein gewagtes Unterfangen. Drohende Aristokratie des Geistes im Bildungsroman. Wird erst Michel Foucault, der Streiter des "Postmodernismus", zum Leithammel des Erzählens, wachsen die Vorbehalte bei manchem Leser sicher ins Bedenkliche. Doch die britische Literaturwissenschaftlerin Patricia Duncker, Dozentin an der University of Yale, zerschlägt solcherlei Bedenken gründlich. Ihr Debütroman "Die Germanistin" (dt. 1997) ist jetzt als Taschenbuch erhältlich und überzeugt mit erzählerischen, nicht mit bildungphiliströsen Mitteln.
Akademischer Muff in Cambridge. Ein Student, der anonyme Ich-Erzähler, arbeitet an seiner Doktorarbeit über den französischen Romancier und politischen Quergeist Paul Michel, als er eine Liebesbeziehung zu einer Kommilitonin eingeht, eben der Germanistin, die ihrerseits über Schiller dissertiert. Die Beziehung läßt sich eigenartig an. Dem Studenten, verknallt über beide Ohren, entrückt seine Germanistin ins Unnahbare, ins Unergründliche. Sie spielt ihre Macht gegen ihn aus und drängt ihn aus zunächst unerklärlichen Motiven zu eingehenderen Recherchen über sein eigenes Dissertationsthema. Ohne recht zu wissen, wie ihm geschieht, reist er nach Paris, um die noch unpublizierten Briefe Paul Michels an seinen Zeitgenossen Michel Foucault zu studieren und um herauszufinden, wo sich der mysteriös Verschollene aufhält, so er denn noch lebt. Tatsächlich findet der Student das Objekt seiner Dissertation in einer Nervenheilanstalt. Endlich die Initialzündung: Aufopfernd bemüht sich der Student um das Wohlergehen des homosexuellen, angeblich wahnsinnigen Schriftstellers, umwirbt und becirct ihn und vergißt im Sog von Wahn und Leidenschaft sukzessive sein Vorhaben, seine Germanistin und schließlich gar die eigene Person.
Ein packender Plot - spannend und intelligent. Es ist die lebendige Philosophie Foucaults, die im Hintergrund ihre Fäden zieht. Patricia Duncker entwirft die Figur Paul Michel als biographisches Pendant und geistigen Intimus zu Michel Foucault, dessen Grundfragen - die Historien von Wahnsinn, Wissenschaft und Sexualität - in der Fiktion neu gestellt werden - nachvollziehbar durch die Glaubwürdigkeit aller Figuren, sprachlich gekonnt, distanziert, die richtige Stimmung nie aus den Augen verlierend. Diese wagemutige Konstruktion gelingt, will sagen: sie wirkt nicht konstruiert. Die philosophische Thematik bleibt subtil. Sie geht in die Erzählung über, sie erfährt ihre Brisanz und Lebendigkeit erst durch das Handeln und Leiden der Protagonisten, so daß sie dem reinen Lesevergnügen nicht im Wege steht. Eine grandiose Leistung: Man muß kein Geisteswissenschaftler sein, um mit der "Germanistin" in den Hochgenuß geistreicher Erzählkunst zu kommen. (Volker Maria Neumann auf literaturkritik.de)
- Blue Balliett
- Der fünfte Spieler
- Aufbau 2011
- ISBN 978-3-351-04129-8
- € 12,95
Zoomy ist ein seltsamer Junge, stark sehbehindert und mit dem Hang, Notizbücher mit Listen anzulegen. Freunde hat er keine, seine Eltern kennt er nicht und sein Leben spielt sich zwischen seinen Großeltern und der städtischen Bibliothek ab. Per Zufall gelangt Zommy an eine Kiste mit sehr wertvollem, sehr geheimem Inhalt und sein Leben wird gehörig durcheinander gewirbelt. Eine herzerfrischende, vielschichtige und doppelbödige Geschichte, in der das Tagebuch von Charles Darwin eine große Rolle spielt. Ab 10.
Ein überraschendes Buch, dessen Hauptfigur nie aufgibt und zu einem ganz besonderen Ziel kommt. (FAZ)
Das verleiht dem Buch eine besondere Note: Man muss nicht, man kann. Und wenn man kann, kann man sehr, sehr viel. Mit oder ohne Brille. (klappentexterin.de)
Buchtipps des Monats - Sommer 2011
- Peter Stamm
- Seerücken
- Fischer 2011
- ISBN 978-3-10-075133-1
- € 18.95
Für sich genommen besticht jede der zehn virtuos komponierten Erzählungen des Schweizers Peter Stamm durch Ernsthaftigkeit und erträgliche Melancholie, findet der Rezensent Michael Allmaier. Immer wieder aufs Neue schickt der Autor sein Personal in zumeist kleinere Niederlagen, die in ihrer Unvermeidlichkeit schicksalhaft werden. Dabei implementiert er kunstvoll Motive des neunzehnten Jahrhunderts in die Lebenswelt des einundzwanzigsten und dekliniert die Möglichkeiten der Novelle durch, erklärt der Rezensent. Dass diese Übertragung nicht restlos aufgeht und die "Charaktere für die klassische Form zu klein, zu alltäglich sind", gehört zum literarischen Verfahren des Autors: durch das Gefälle entsteht eine interessante Spannung, die den Leser bei der Stange hält. Allerdings verliert der Rezensent durch die Anhäufung der planmäßig eingesetzten Überraschung, die stets zu Lasten der Figuren geht, auch langsam die Geduld, und er fragt sich, ob damit nicht auch die Erwartungen des verwöhnten akademischen Lesepublikums bedient werden: "Wäre die Melancholie so leicht erträglich ohne den Trost, besser dran zu sein als diese verwandten Seelen?"
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2011 (Quelle: perlentaucher.de)
- Hanns-Joseph Ortheil
- Die Erfindung des Lebens
- btb 2011
- ISBN 978-3-442-73978-3
- € 11,99
"Die Erfindung des Lebens" ist die Geschichte eines jungen Mannes von seinen Kinderjahren bis zu seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller. Als einziges überlebendes Kind seiner Eltern, die im Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach vier Söhne verloren haben, wächst er in Köln auf. Die Mutter ist stumm geworden, und auch ihr letzter Sohn lebt zunächst stumm an ihrer Seite. Nach Jahren erst kann er sich aus der Umklammerung der Familie lösen, in Rom eine Karriere als Pianist beginnen und nach deren Scheitern mit dem Schreiben versuchen, sein Glück zu machen. In Anlehnung an die großen Bildungsromane der deutschen Literatur entwirft dieser historisch weit ausholende Roman eine Biografie, die nach jedem Rückschlag wieder ganz neu erfunden werden muss.
- David Foster Wallace
- Schrecklich amüsant
- Goldmann TB 2011
- ISBN 978-3-442-54229-1
- € 6,95
Als "Glücksfall" feiert Richard Kämmerlings diesen zuerst 1996 im "Harper's Magazine" erschienenen Essay von David Foster Wallace. Der Autor wurde damals von der Redaktion eingeladen, an einer siebentägigen Karibik-Kreuzfahrt teilzunehmen, berichtet der Rezensent. "Entstanden ist", jubelt er begeistert, "ein Meisterstück der literarischen Reportage". Wie er ausführt, protokolliert Wallace seinen Selbstversuch mit äußerster Präzision - von der Einschiffung bis zum letzten Dinner an Bord, wobei sich sein analytischer Blick und seine überscharfe Selbstwahrnehmung auf virtuose Weise verbinden. Man erfahre alles, was man je über eine Kreuzfahrt wissen wollte (und noch viel mehr). Die genaue Abbildung des Mikrokosmos auf dem Schiff versteht Kämmerlings als Parabel auf den Western way of life. Der "Seven-Night-Caribbean"-Cruise ist für ihn eine "Höllenfahrt der Luxusklasse", deren Qual in der unendlichen Wiederholung des Vergnügens besteht. Wallace zeigt seines Erachtens die "subtilen Abhängigkeiten und Fremdsteuerungen" des Subjekts, dessen Bewusstsein im "Klammergriff von Konsum und Medien" tödlich erstarrt. Dabei erweist sich Wallace für Kämmerlings nicht als Moralist oder Griesgram, sondern als "unbestechlicher Diagnostiker menschlichen Leidensdrucks gerade unter der Fassade grenzenloser Lustbefriedigung".
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2002 (Quelle: perlentaucher.de)
- Lars Gustafsson
- Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
- Fischer TB 2011
- ISBN 978-3-596-18661-7
- € 9,99
Unser Buchtipp des Monats November 2009 jetzt auch als Taschenbuch erhältlich:
Gar nicht wenig, was Jochen Schimmang mitnimmt aus dieser Lektüre. Schließlich legt Lars Gustafsson seinem Helden, einem durchaus mit Zügen des Autors ausgestatteten Oxforder Philosophieprofessor, gute Gründe in den Mund, das Leben zu lieben. Das Schimmang bereits aus Gustafssons Romanzyklus "Risse in der Mauer" bekannte Leitmotiv des Individuums (Schimmang findet noch mehr Hinweise auf eine Beziehung zwischen den Werken) führt den Rezensenten durch die schwedische Kindheit und Jugend des Professors. Wie nebenher wirft die plaudernde Umkreisung alter Gustafsson-Themen dem Rezensenten immer wieder kleine Nuggets vor die Füße: Überlegungen zur Zeit (ein Möbiusband), zur Liebe (Erlösung) und zum ewigen Leben (findet statt, ganz antimetaphysisch). Laut Schimmang ergibt das nicht weniger als Gustafssons "schönstes Buch seit über 30 Jahren".
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2009 (Quelle: perlentaucher.de)
- Hilde Domin
- Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken
- Fischer Schatzinsel
- ISBN 978-3-596-85360-1
- € 12,95
"Ich lebte auf einer Insel, die war ganz anders als die Inseln, die ihr kennt. Nachmittags pünktlich um fünf flogen Papageien über das Haus, eine grüne Wolke. Wie Tauben, aber eben grün. Sie kreisten nicht, sie flogen vorbei, und sie unterhielten sich sehr laut, in ihrer eigenen Sprache."
Hilde Domin, eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Deutschlands, die mehr als 22 Jahre ihres Lebens im Exil verbringen musste, hat ausschließlich für Erwachsene geschrieben. Mit einer Ausnahme:1966 wurde sie von der Kinderbuchverlegerin Gertraud Middelhauve gebeten, einen Text für Kinder zu verfassen. Entstanden ist der "Bericht von einer Insel", der in der Anthologie "Dichter erzählen für Kinder" veröffentlicht wurde. Die Geschichte spielt in Santo Domingo und handelt von einem einohrigen Kater. Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin am 27. Juli 2009 erscheint dieser Text mit vielen wunderschönen Illustrationen der renommierten Illustratorin Alexandra Junge. Eine Geschichte voller Anmut und Poesie - von einer der sprachgewaltigsten Lyrikerinnen Deutschlands.
Buchtipps des Monats - Frühjahr 2011
- Peter Handke
- Der Große Fall
- Suhrkamp 2011
- ISBN 978-3-518-42218-2
- € 24,90
Die Geschichte eines müßiggängerischen Schauspielers, an einem einzigen Tag, vom Morgen bis tief in die Nacht: Das Gehen durch eine sommerliche Metropole, von den Rändern bis in die Zentren. Die Begegnungen: mit den Läufern, den Obdachlosen, den Paaren, dem Priester, den Polizisten. Ein Weg mitten durch Nachbarnkriege, vorbei an überlebensgroßen Leinwandpolitikern, dann inmitten von Untergrundfahrern aus einer anderen Welt. Wetterleuchten in der Stadtmitte. Und das Gesicht einer Frau.
»In solchen Litaneien inniger Verdichtung und zugleich Entzerrung im Echoraum, im vorantreibenden und zugleich auf der Stelle schaukelnden Wiederholungen, hallt, dröhnt, sirrt und schwingt sich der Klang der Sätze zur großen Handke-Melodie auf.« (Sabine Vogel, Frankfurter Rundschau)
»Aber all das ist eingesponnen in eine Sprache, die geschaffen ist, um – wie im Märchen – unterschiedlichste Dinge in einer Empfindung zusammenzubringen. Von der eben lässt sich nicht bestimmen, ob sie eine des fortwährenden Erschreckens oder der unverlierbaren Zugehörigkeit zu dieser Welt ist. … Handke scheint zu den frühesten Motiven seines Schreibens zurückgekehrt zu sein.« (Jürgen Busche, Focus)
»Allmählich, und darin liegt des Erzählers Kunstleistung, weiten sich die durchstreiften Gefilde von den Stadträndern bis ins Zentrum zu einer Weltlandschaft, so wie die alten Meister à la Brueghel sie imaginierten: Ein Panorama voll konturhart gezeichneter, äußert merkwürdiger Wesen.« (Ulrich Weinzierl, Die Welt)
- Anna Enquist
- Kontrapunkt
- btb 2011
- ISBN 978-3-442-73969-1
- € 9,99
Nichts ist schmerzlicher als der Verlust eines geliebten Menschen. Und nichts ist schrecklicher als das allmähliche Verblassen der Erinnerung an ihn. Nach dem tragischen Tod ihrer Tochter will sich die Mutter nicht damit abfinden, dass ihr die verstreichende Zeit die Erinnerungen nimmt oder verfälscht, dass sie mit der Vergangenheit abschließen und in die Zukunft blicken soll. Nein, sie will die Vergangenheit, in allen Einzelheiten will sie ihre geliebte Tochter sehen, lebendig, als Baby, als Mädchen, als junge Frau. Dann nimmt sie sich zum ersten Mal seit ihrer Zeit am Konservatorium die Goldberg-Variationen von Bach wieder vor, kauft Partituren, schreibt Fingersätze, beschäftigt sich mit Bachs Leben. Spielt und interpretiert. Dreißig Variationen, eine Aria am Anfang und am Schluss. Und das Wunder geschieht: Die Harmonie, die Vielstimmigkeit, die verschiedenen Formen und Klänge von Bachs Musik evozieren und begleiten Szenen aus dem Leben mit ihrer Tochter, von der Geburt bis zum Studienabschlussfest, Familienferien zu viert mit Mann und Sohn, Meinungsverschiedenheiten und Augenblicke größter Nähe. Selten wurden bisher so intensiv und klar Leben und Musik in eins gesetzt, und selten berührte ein Buch so tief.
- Mirko Bonné
- Wie wir verschwinden
- Fischer TB 2011
- ISBN 978-3-596-18764-5
- € 9,95
Der neue Roman von Mirko Bonné erzählt eine große Geschichte der Erinnerung: Raymond, Witwer mit zwei so lebhaften wie eigensinnigen Töchtern, erhält nach Jahrzehnten des Schweigens einen Brief seines todkranken Jugendfreundes Maurice, der ihn in die gemeinsam erlebte Vergangenheit zurückversetzt: nach Villeblevin, wo 1960 Albert Camus bei einem Autounfall ums Leben kam. Ein französisches Dorf und ein historisches Ereignis werden für zwei Jugendfreunde zum symbolischen Angelpunkt, um die fünfzig zurückliegenden Jahre zu erinnern und ihre Schicksalhaftigkeit anzuerkennen. Erinnerung an die eigene Jugend und Sterben eines Idols verbinden sich zu einem ergreifenden Roman, der Mirko Bonné als einen der bedeutenden Autoren unserer Zeit zeigt. Wie wir verschwinden ist ein großes Buch der Erinnerung, ein Roman unseres Lebens wie des Sterbens einer Ikone des letzten Jahrhunderts: Albert Camus.
»Mirko Bonnés Gedichte und Romane sind schon viel gelobt worden, aber er wird immer noch nicht gebührend geschätzt. In WIE WIR VERSCHWINDEN erzählt er so ruhig und gelassen von der Kunst des Lebens und Sterbens, vom Umgang mit Trauer und Schuld, dass das ernste Thema alles tragische Pathos verliert. Sein Roman ist voll von französischer Leichtigkeit und Esprit.« (Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung)
- Andreas Altmann / Axel Helbig (Hrsg.)
- Es gibt eine andere Welt – Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen
- Poetenladen 2011
- ISBN 978-3-940691-23-1
- € 24,80
Sachsen – ein Land der Dichter. Das ist immer wieder zu hören oder zu lesen. Mit der vorliegenden Anthologie haben die Herausgeber versucht, dieser begründeten Vermutung nachzugehen. Dabei ist ein gleichermaßen lesbares wie umfassendes Gedichtbuch entstanden, das die Qualität eines Standardwerks besitzt. Es bekennt sich zu seiner literarischen Verortung in Sachsen und zeigt zugleich ein überregionales dichterisches Panorama auf. Der Leser mag staunen, wie viele Dichter ihm hier begegnen, die die deutschsprachige Gegenwartsdichtung schlechthin präsentieren.
„Was das Unverwechselbare dieser Anthologie auszeichnet: dass sich plebejische Haltung und höchster Kunstanspruch, Geschichtsbewusstsein und Aufmerksamkeit für Lebensmomente, pure Sinnlichkeit und philosophisches Zweifeln, melancholische Ironie und visionäres Trotzdem im Gedicht verbünden können.“
Aus dem Nachwort von Peter Geist
- Antje Damm
- Ist 7 viel?
- Moritz Verlag
- ISBN 978-3-89565-147-2
- € 14,80
Wird es die Erde immer geben? So lautet eine von 44 Fragen, die Antje Damm in ihrem neuen Buch stellt. Wer will sie beantworten? Aber darüber reden, darüber philosophieren, das macht Spaß und regt an, sich Gedanken zu machen über die Welt, in der wir leben. Woher kommt Angst? Tut alt werden weh? Warum sehen wir so verschieden aus? Antje Damm wirft Fragen auf über den Himmel und die Erde, über das Leben und die Welt, über den Tod und über die Liebe. Erneut will sie Gespräche initiieren, Geschichten provozieren und Neugier wecken. Sie nimmt Kinder als kleine Philosophen ernst und traut ihnen komplexe Themen zu.
Buchtipps des Monats - Dezember 2010
- Uwe Tellkamp
- Schwebebahn
- Suhrkamp 2010
- ISBN 978-3-458-17489-9
- € 19,90
Nach dem grandiosen Erfolg seines Beststellers Der Turm führt Uwe Tellkamp uns erneut in seine Heimatstadt Dresden. Auf den Stationen dieser Reise erwartet uns eine Fülle von Geschichten, die sich zu einem einzigartigen Roman der Stadt zusammenfügen. Wir begegnen der Klavierlehrerin Adolzaide und dem Vorsitzenden der Quittengesellschaft, hören Gesprächen über die Frauenkirche, Dresdner Maler und Architektur zu, besuchen den Jungen, dem in einem Johannstädter Plattenbau eine Tube Schuhcreme zum Gleichnis für den Traum vom Meer wurde. Dresden ist ein Stück Italien, und eine Laufmaschenreparatur ist in Wahrheit eine Filiale des Amts zur Wiederherstellung der Schönheit. In der Bunten Republik Neustadt lebt Q., die Brombeeren und die Zahl 19 liebt. Zwergpudel Caligula, der die Dame mit Hut Gassi führt, gelangt nur bis zum linken Vorderreifen des Autos vom Koch. Die Schwebebahn wird zum Bild des Lebens in seiner sinnlichen Vielfalt, poetisch, humorbegabt. Mit den Aufzeichnungen eines Rüsselkäfers.
- Friederike Roth
- Abendlandnovelle
- Suhrkamp 2010
- ISBN 3-518-42176-X
- € 15,90
Friederike Roth setzt mit Ihrem neuen Buch eine Zäsur: Sie setzt neu an. Und zugleich thematisiert "Abendlandnovelle" diesen Neubeginn, denn sie handelt vom Wagnis, einen Anfang zu setzen im klaren Bewußtsein, daß jeder Anfang sein Ende immer schon mit sich führt, daß der erste Satz eines Textes zwangsläufig mit dem letzten Satz endet: "Im endlosen Anfangsgewirbel / dem riesigen Reservat aller Aufbruchsvisionen / aller Optionen auf alles / auf denkbar und undenkbar Mögliches / das bodenlose Entsetzen: / der einmal gemachte Schritt / verdirbt jeden anderen." Zwischen Anfang und Ende tauchen die ewig alten Fragen auf, "die handeln von Gott und der Welt / und dem Tod und der Liebe / von Leben Kunst Geld." Und was, wenn alle zwischen Anfang und Ende ausgespannten, ausgebreiteten, ausgemärten Geschichten, alle Lebens- und Textgeschichten, sich als Wiederholungen in endlosen Variationen erweisen? Wenn das Wagnis zum Schrecken wird vor den bekannten Zwangsläufigkeiten von Ereignisketten, vor deren Ende man vielleicht doch lieber stumm bliebe? "War immer schon / Zerstörung und Rekonstruktion / und Neukonstruktion und wieder Zerstörung / Menschenhandwerk, warum taugt es dann auch / für üppig nutzlose Schönheit?" Wäre da nicht eben doch "eine Ahnung von Gelungenheit ohne Bedrohung etwas wie blauer Himmel", das uns mit unseren Sätzen weitertreibt dorthin, wo aber wieder "alle auf alle treffen", wo Väter schreien, Mütter weinen, jeder jeden kennt und man sich doch ganz und gar fremd ist: "Nie wollte man dahin kommen / nie, und ist eben doch / immer schon mittendrin".
- Martin Mosebach
- Der Mond und das Mädchen
- dtv 2010
- ISBN 978-3-423-13902-1
- € 9,90
Ein Sommernachtstraum mitten im steineren Frankfurt. Hans und Ina sind ein strahlendes junges Paar. Hans hat eine brillante Bankkarriere begonnen, und umso unbegreiflicher ist es, wie sehr er sich in der neuen Wohnung vergriffen hat: Hinter dem Hauptbahnhof an einer lauten Straße steht dies übriggebliebene Gründerzeithaus, dem man nicht ansieht, wie seltsam es in ihm zugeht. Denn dort findet sich allnächtlich im brütend heißen Hof unter dem großen Sommermond jener fatale Kreis um den marokkanischen Hausmeister zusammen ... Ein federleicht und spielerisch erzählter Roman, ironisches Großstadtbild und doppelbödige Liebesgeschichte zugleich.
- Judith Hermann
- Alice
- dtv 2010
- ISBN 978-3-596-18545-0
- € 8,95
"Die Planeten laufen langsam. Aber sie machen ihre Transite. Und dann ändert sich dein ganzes Leben." Wenn jemand geht, der dir nahe ist, ändert sich dein ganzes Leben, es ändert sich, ob du willst oder nicht. Alles wird anders. Alice ist die Heldin dieser fünf Geschichten, alle erzählen von ihr und davon, wie das Leben ist und das Lieben, wenn Menschen nicht mehr da sind. Dinge bleiben zurück, Bücher, Briefe, Bilder, und ab und zu täuscht man sich in einem Gesicht. Lebenswege kreuzen sich, ändern die Richtung und werden unwiederbringlich auseinandergeführt. Die Autorin von "Sommerhaus, später" und "Nichts als Gespenster" schreibt Geschichten von ungeheurer Kraft und großer literarischer Schönheit.
- Haruki Murakami
- Schlaf
- DuMont TB 2010
- ISBN 978-3-8321-6136-1
- € 8,95
"Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf." So beginnt Haruki Murakamis Erzählung von einer Frau, die nachts kein Auge mehr zumacht. Aber es fühlt sich anders an als die quälende Schlaflosigkeit, die sie als Studentin erlebt hat: Jetzt ist sie auf zauberhafte Weise nicht mehr müde. "Ich kann einfach nicht schlafen. Noch nicht einmal ein Nickerchen."
Spätabends, wenn ihr Mann und ihr Sohn im Bett liegen, beginnt sie ein zweites Leben, und die Nächte sind bei Weitem aufregender als ihre gleichförmigen Tage, aber auch gefährlicher.
Die Illustratorin Kat Menschik hat den Zauber von Murakamis Erzählung in traumgleiche Bilder gebracht. Auch deshalb ist dieser durchgehend in Duotone (Nachtblau/Silber) gedruckte Band ein guter Grund, nachts wach zu bleiben.
Buchtipps des Monats - November 2010
- Günther Starke
- Starkes Viertel - Das Buch
- WDS Pertermann 2010
- ISBN 978-3-936104-67-7
- € 24,95
Dresdens Äußere Neustadt 1979 - 1990: Kein Dresdner Stadtteil ist lebendiger als die Äußere Neustadt. Die Geschichten ihrer Gebäude und Bewohner hielt Günter Starke im Buch "Ein starkes Viertel " fest.
Zum Spazieren ging Günter Starke irgendwann nicht mehr an die Elbe oder in den Großen Garten - sondern in die Äußere Neustadt. Der Stadtteil fasziniert ihn so sehr, dass er seit 1979 das Leben dort dokumentierte. Erst fotografierte er Inschriften und Hausfassaden, dann Menschen auf der Straße und in den Läden, zuletzt traute er sich auch in ihre Wohnungen. Über zwanzig Jahre hat er Geschichten und Bilder gesammelt, daraus ist etwas zwischen Sozialstudie und Kunst entstanden. Nach seinen Kalendern für 2010 und 2011 ist nun ein Buch mit 250 seiner Bilder und ihren Geschichten beim Neustadtverlag Pertermann erschienen, eingeleitet durch ein Vorwort des Dresdner Autors Jens Wonneberger. (Quelle: Prinz.de Dresden Kultur)
Außerdem bei uns erhältlich: der Kalender "Starkes Viertel II - 2011" mit 24 Fotografien. Mehr Informationen zum Kalender gibt es auf cybersax.de.
- Klaus Funke
- Kammermusik
- Plöttner Verlag 2010
- ISBN 978-3-86211-002-5
- € 9,95
"Ein älterer Herr aus der ersten Reihe hat zu mir gestarrt mit seinem Konzertbesucherblick, dieser Mischung aus Neugier und Herablassung, aus Neid und Intoleranz, mit dem sie einen immer anblicken, diese Konzertbesucher, besonders diejenigen aus Dresden, die den ekelhaftesten Konzertbesucherblick überhaupt haben, diesen Kapellenblick, abgeleitet von der Hofkapelle, der sie sich wie Sektenmitglieder verpflichtet fühlen und alle Fremden mit eisiger Abwehr betrachten"
Die letzten feierlichen Augenblicke vor dem Konzert. Augenblicke, bei denen alles zu schweben scheint und die Zeit still steht. Aber die Zeit ist nicht stehen geblieben, besonders bei diesem Konzert nicht, besonders für den Erzähler und seine Schwester nicht. Der weltberühmte Pianist Stefan Bosel ist nach Dresden zurückgekehrt und in seinem Publikum, zu seinen Füßen, erlebt der Erzähler seine mit Bosel verbrachte Jugendzeit aufs Neue, eine Zeit, die angefüllt war mit Musik, mit Freundschaft, mit Liebe und Neid, mit glänzenden Erfolgen und elendem Versagen, diese Zeit in Dresden, dessen Bewohner sich ihres Musikverständnisses, ihrer Liebe zur Kunst, ihrer Feingeistigkeit rühmen. Doch dann, nach dem Konzert, endet das Wiedersehen der ehemaligen Freunde in einem wilden Finale furioso mit einer wütenden Abrechnung, bei der keiner, das Dresdener Publikum ebensowenig wie die Musiker oder die Kunststadt selbst ungeschoren bleibt.
Voller Sarkasmus und beisender Ironie, doch mit gleichsam dahinschmelzender Einfühlung in alles wahrhaft Musikalische liefert der Dresdner Autor Klaus Funke mit seiner Novelle "Kammermusik" ein Kabinettstück monologisierender Erzählkunst.
"Funke kratzt am Lack der Kunststadt, aber mit welchem Charme er das macht! Seine beißende Ironie entspringt einer leidenschaftlichen Liebe zur Musik, der gesamte Text wirkt einem musikalischen Muster folgend, komponiert und rhythmisch, das Hintergrundwissen ist fundiert und wohltuend beiläufig eingeflochten." (Sächsische Zeitung)
- Stephan Thome
- Grenzgang
- Suhrkamp TB 2010
- ISBN 978-3-518-46193-8
- € 9,95
Alle sieben Jahre steht Bergenstadt kopf: Man feiert Grenzgang, das traditionelle dreitägige Volksfest, und dabei werden nicht nur die Gemeindegrenzen abgeschritten. Auch abends im Festzelt wird ausprobiert, wie weit man gehen kann. Alle sind dabei, nur zwei stehen am Rand: Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Er ist nach gescheiterter Uni-Karriere als Lehrer ans Gymnasium Bergenstadt zurückgekehrt. Sie versorgt nach gescheiterter Ehe ihre demenzkranke Mutter und hat Ärger mit ihrem pubertierenden Sohn. Vor sieben Jahren beim letzten Grenzgang sind sich die beiden schon einmal begegnet, und damals ist etwas passiert, woran sich die beiden auch noch bei diesem Fest nur mit gemischten Gefühlen erinnern.
Grenzgang ist das furiose Debüt eines jungen Autors, der von Anfang an aufs Ganze geht: Spannungsreich und voller überraschender Wendungen erzählt Stephan Thome von der Jagd nach dem Glück, die seine Figuren aus Berlin und Köln in die hessische Provinz und von dort in einen Swinger-Club an der Frankfurter Peripherie führt. Schnell wird klar, wie leicht vermeintliche Sicherheiten abhanden kommen können und wie dünn das Eis ist, auf dem Lebensentwürfe gründen - und daß es trotzdem keine Alternative zum Kampf um das eigene Glück gibt.
Ausgezeichnet mit dem Aspekte Literaturpreis 2009
- Joan Didion
- Das Jahr des magischen Denkens
- List TB 2010
- ISBN 978-3-548-60770-2
- € 8,95
Vierzig Jahre waren Joan Didion und John Gregory Dünne verhei-ratet, als Dünne am Abend des 30. Dezember 2003 einen Herzinfarkt erlitt und starb. Das Jahr magischen Denkens erzählt von Joan Didions Ehe mit dem Schriftsteller, von der eigenen Welt zweier kreativer Menschen, die einander im Leben und in der Arbeit alles waren. Es erzählt von der schweren Krankheit der einzigen Tochter Quintana, die zu dem Zeitpunkt, als ihr Vater starb, auf der Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses um ihr Leben kämpfte. Indem sie darüber schreibt, versucht Joan Didion, dem Geschehen einen Sinn abzugewinnen, es einzuordnen in Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, von Ordnung und Zweck. Ihr Buch lotet auf klügste Weise die Grenzen der Klugheit aus, es ist ein Aufbegehren des Verstandes gegen die existentielle Unvernunft des Todes und eine brillante und bewegende Studie der Trauer. Die große amerikanische Schriftstellerin Joan Didion schreibt über die Trauer nach dem Tod ihres Ehemannes und über ihren Versuch, das Unfaßbare begreiflich zu machen. Ein sehr offenes, sehr persönliches Buch, das zugleich von beeindruckender Allgemeingültigkeit ist. Joan Didion wurde dafür in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet.
Buchtipps des Monats - Oktober 2010
- Lojze Kovacic
- Die Zugereisten. Eine Chronik. Zweites Buch
- DTV 2009
- ISBN 978-3-423-13756-0
- € 9,90
Ljubljana 1941: Der Krieg hat Jugoslawien erreicht, Terrorakte gehören zum Alltag, das tägliche Leben ist von Misstrauen geprägt. Seit ihrer Ausweisung aus der Schweiz kämpfen der 13-jährige Ich-Erzähler und seine Familie ums Überleben. Packend und dicht berichtet Kovacic vom Heranwachsen in einer besetzten Stadt und vom sozialen Abstieg einer Familie.
- Ian McEwan
- Solar
- Diogenes 2010
- ISBN 978-3-257-06765-1
- € 21,90
Die "handfeste Komik" dieses Buches entlockte Christian Seiler eigenem Bekunden zufolge immer wieder lautes Glucksen. Denn Überraschung: so lustig und sarkastisch habe der sonst so ernst erzählende Autor noch nie geschrieben. Bereits die Beschreibung der Hauptfigur, eines Physikgenies, hat den Rezensenten sehr eingenommen: "Glatzköpfig, sexsüchtig, egozentrisch - und ziemlich klug." Dieser Nobelpreisträger nun führe mit Aberwitz durch Fragen des Klimawandels, und was Ian McEwan aus diesem Themenkomplex macht, sieht sich der begeisterte Kritiker nur unzureichend in der Lage wiederzugeben: eine "Operette der Egomanie". Bei allem sei das Buch auch noch profund recherchiert. (Vollständige Rezension: Die Zeit, 7.10.2010)
- Aleksandra Machowiak / Daniel Mizielinski
- Treppe, Fenster, Klo. Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt
- Moritz Verlag 2010
- ISBN 978-3-89565-217-2
- € 18,00
Von Leipzig bis Tokio: 35 Beispiele höchst ungewöhnlichen Häuserbauens. Das erste Buch über zeitgenössische Architektur für Kinder
Überall auf der Welt haben Architekten ungewöhnliche Häuser gebaut: Häuser, die mal wie Birnen aussehen und mal zum Zusammenschieben sind, Teehäuser hoch über dem Erdboden, aufblasbare Häuser, Igluhäuser Dieses Buch stellt 35 von ihnen vor. Sie stehen in Leipzig, Stuttgart oder Zürich, aber auch an der Côte d Azur, in Kopenhagen, Tokio oder im Süden von Chile. Immer wird erklärt, warum sie so ungewöhnlich sind, was ihre Besonderheiten und wer ihre Architekten sind. Baumaterialien, Lage und Entstehungsjahr jedes Hauses - die Mehrzahl stammt aus den letzten zehn Jahren - werden beschrieben. So ist ein kurzweiliges Buch gelungen, das Kindern auf spielerisch ungemein anregende Weise Einblicke in die zeitgenössische Architektur gibt.
- Eugen Gomringer u.a.
- Herbstgedichte
- Reclam 2009
- ISBN 978-3-15-010717-1
- € 6,90
Wenn der Wind das Laub von den Bäumen reißt, wenn Sonnenstrahlen letzte Süße in den schweren Wein jagen, wenn Kraniche hoch über Stoppelfelder ziehen, wenn die Herbstesnebel wallen (Humphrey Hamster zum Gefallen...), dann schreiben die Dichter ihre schönsten Gedichte. Die Klassiker der besonders lyrischen Jahreszeit versammeln sich in diesem Bändchen.
Buchtipps des Monats - September 2010
- Thomas Lehr
- September
- Hanser 2010
- ISBN 978-3-446-23557-1
- € 24,90
Der deutsch-amerikanische Germanistikprofessor Martin lebt mit seiner Tochter Sabrina in den USA, der irakische Arzt Tarik und seine Tochter Muna leben in ihrer Heimatstadt Bagdad. Nichts verbindet sie. Doch dann stirbt Sabrina am 11. September 2001 im World Trade Center, während Muna in den letzten Kriegstagen 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. Thomas Lehr, „einer der klügsten deutschen Schriftsteller und einer der unterhaltendsten“ (NZZ) legt einen Roman vor, der die politischen Katastrophen der jüngsten Vergangenheit im Zentrum hat, und begibt sich damit auf eine literarische Gratwanderung zwischen zwei Kulturen. „September“ ist ein vielschichtiges, beeindruckendes Werk; in seiner verdichteten, lyrischen Sprache geschrieben, versucht es, durch die Ausleuchtung des historischen und kulturellen Hintergrunds den politischen Konflikt zum Dialog zu erweitern. Eigensinnig und hartnäckig bewahrt der Roman das Andenken an zwei getötete Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikt stehen.
Thomas Lehr, 1957 geboren, lebt in Berlin. Für jedes seiner Bücher erhielt er mehrere Literaturpreise, darunter den Wolfgang-Koeppen-Preis, den Kunstpreis Rheinland-Pfalz und den Rheingau Literatur-Preis.
Buchtipps des Monats - Mai 2010
- Don DeLillo
- Der Omega-Punkt
- Kiepenheuer & Witsch 2010
- ISBN 978-3-462-04192-7
- € 16,95
Im MoMa in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks "Psycho", verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen älteren, einen jüngeren, die sich die Installation anschauen. Schnitt. Mitten in der Wüste, "südlich von Nirgendwo", lebt der dreiundsiebzigjährige Richard Elster in einem einsam gelegenen Haus. Hierher hat er sich zurückgezogen, um über Raum und Zeit nachzudenken. Elster, ein Gelehrter, der sich jahrelang mit dem Thema Auslöschung in all seinen Varianten beschäftigt hat, diente der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs zwei Jahre lang als geheimer Berater, er sollte ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenz-rahmen versehen. Als seine Dienste nicht mehr gebraucht werden, zieht er sich in die Wüste zurück. Dort besucht ihn Jim Finley, ein junger Filmemacher, der Elster von seinem Filmprojekt überzeugen möchte: eine Dokumentation ganz ohne Schnitt, nur eine einzige Einstellung: ein Mann - Elster - vor einer Wand. Keine Fragen aus dem Off, keine Regieanweisung. Zwölf Tage schon diskutieren die beiden Männer, als Elsters Tochter Jessie auftaucht, eine junge Frau aus New York, die die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht, und alles Gesagte wird in Frage gestellt. "Der Omega-Punkt" ist ein tief verstörendes, brillantes Werk über Verlust und Verschwinden von einem der größten Schriftsteller der Gegenwart.
- Roberto Bolaño
- Stern in der Ferne
- Fischer TB 2010
- ISBN 978-3-596-18731-7
- € 8,95
Chile, Frühjahr 1973. Politik und Poesie scheinen eins, das Leben ist neu, und jeder träumt von dem großen Gedicht und der erlösen-den Liebe. Wochen später liegt Pinochets Schatten über dem Land, und die jungen Dichter sehen vom Gefängnishof, wie eine alte Messerschmitt Verse in den Himmel schreibt. Am Lenkruder sitzt Carlos Wieder, tollkühner Pilot, futuristischer Dichter und Star des neuen Regimes. Langsam ahnen sie, dass er die Fäden zieht und kein anderer ist als ihr Mitstudent, der misteriöse Taigle. In seinem frühen Meisterwerk zeichnet Roberto Bolaño das Porträt eines dunklen Dandys der Macht und entdeckt die Signatur eines ganzen Kontinents. Roberto Bolaño, geb. 1953 in Santiago de Chile, gestorben 2003, erhielt 1999 den wichtigsten südameri-kanischen Literaturpreis 'Rómulo-Gallegos'. Lange Zeit lebte er in Mexiko. 1973, während Pinochets Militärputsch wurde er in Chile verhaftet, saß ein halbes Jahr im Gefängnis und ging danach zurück nach Mexiko und weiter nach Spanien.
- Walter Kappacher
- Selina oder Das andere Leben
- DTV 2010
- ISBN 978-3-423-13872-7
- € 9,90
Es sind weder die Situationen noch die Ereignisse, die das Besondere an Walter Kappachers Literatur ausmachen. Es ist vielmehr, wie Peter Handke es charakterisiert hat, „eine Explosion des Schreibens, wie man sie abenteuerlicher nicht wünschen kann“. So ist auch die Ausgangssituation für Kappachers Roman „Selina“ unspektakulär: Stefan, Lehrer, nimmt das Angebot Heinrich Seiferts – den er ein Jahr zuvor in Arezzo kennengelernt hat – an, in sein altes abgelegene Bauernhaus in der Toskana zu ziehen.Der Leser erlebt, wie Stefan sich das Haus und die Umgebung bewohnbar macht, wie er bekannt wird mit den menschen im Dorf, wie er Heinrich besucht, der seine Nichte Selina aus Deutschland erwartet. Es sind die Jean-Paul’schen Themen Liebe, Tod und Unsterblichkeit, die sich langsam entwickeln. Hinter der scheinbaren Beiläufigkeit von Kappachers Erzählen steht tiefer Ernst. Unnachgiebig zwingt der Autor den Leser zur Besinnung. In seinen Texten herrscht eine Ruhe, in der wir unser eigenes Herz schlagen hören. Walter Kappacher wurde 1938 in Salzburg geboren. Der österreichische Schriftsteller erhielt 2004 den vom Verleger Hubert Burda gestifteten Hermann-Lenz-Preis für seine präzise Erzählweise. 2009 wurde Walter Kappacher mit dem Georg-Büchner-Preis für sein erzählerisches Lebenswerk ausgezeichnet.
- Dieter Krause
- Farbkammern
- Leipziger Literaturverlag 2010
- ISBN 978-3-86660-093-5
- € 12,95
Steht ihnen das grüne Kleid? Hatten Sie es wirklich eilig vor der rot leuchtenden Ampel? Welche Farbe verbinden Sie mit dem Wort „Stille“? Farben gehören zu den unmittelbaren persönlichen Erfahrungen. Gleichzeitig entziehen sie sich am äußersten Rand ihrer Mitteilbarkeit und sind in unserer Lebenswelt doch Kommunikationsmittel. Eng an Gefühle geknüpft, sind Farbtöne Binde-glieder zwischen den Künsten. In den Nuancen wirken sie als Licht, ohne das wir nicht lebensfähig wären. Farben, die uns im Spektrum in bestimmten Wellenlängen begegnen, Zeugen unserer Vergangenheit, die sich mit physikalischen Mitteln nur bedingt beschreiben lassen. Sprache mit Licht und Farbe zu sehen, Worträumen andere Dimensionen zu geben als Ort und Zeit, welche Form würde sich besser eignen als Poesie?
Buchtipps des Monats - April 2010
- Martin Walser
- Mein Jenseits
- berlin univerity press 2010
- ISBN 978-3-940432-77-3
- € 19,90
Augustin Finli, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, weiß, was Älterwerden bedeutet. Ab dreiundsechzig hat er mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört und sein Lebenscredo gefunden: »Glauben heißt lieben.« Scherblingen war bis 1803 ein Kloster. Der letzte Abt war ein Vorfahr von Augustin Finli. Der hat, als er noch ein junger Arzt war, ein Seminar besucht, um sein Latein zu verbessern. Im Seminar unangefochtene Beste war Eva Maria Gansloser. Die beiden sind dann so gut wie verlobt. Aber Eva Maria heiratet den Grafen Wigolfing, der an der Eiger Nordwand erfriert. Darauf heiratet sie den 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Das erregende Moment: Dr. Bruderhofer ist Oberarzt unter Augustin Finli. Eva Maria schickt gelegentlich Postkarten, die Finli sagen sollen, sie könne ihn so wenig vergessen wie er sie. Kann er das glauben? Er glaubt es. »Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.« So Finli. Und: »Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.« Das wird zu Finlis Daseinsgefühl. Der Vorfahr hat geschrieben, es sei nicht wichtig, ob die Reliquien, an die die Menschen glauben, echt sind. Augustin Finlis Jenseits entsteht durch Glaubensleistungen. Und vom Vorfahr hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.«
- Sándor Márai
- Befreiung
- Piper 2010
- ISBN 978-3-492-05372-3
- € 16,95
Dezemberkälte liegt über dem belagerten Budapest. Zwischen Todesangst und Erschöpfung wartet die junge Erzsébet zusammen mit den anderen Bewohnern im Keller eines Hauses auf ihr Schicksal. Tag und Nacht, Mittag und Morgen sind unterscheidungslos geworden. Inmitten von stehlenden, streitenden Menschen empfindet sie dennoch eine Art Milde, denn nun ist er endlich da, der Augenblick, vor dem sich alle so lange fürchteten. Während die anderen schließlich vor den heranrückenden Belagerern fliehen, beschließt Erzsébet zu bleiben. Ihre Sinne sind hellwach, als plötzlich ein junger Russe den Keller betritt. Geprägt von der Intensität des eigenen Erlebens, erzählt Sándor Márai von Freiheit, Anstand und dem letzten Augenblick seiner sich selbst zerstörenden bürgerlichen Welt. 1945 entstanden, ist „Befreiung“ Sandor Marais letzter in Ungarn verfasster Roman.
- Niklas Maak
- Der Architekt am Strand
- Hanser 2010
- ISBN 978-3-446-23499-4
- € 17,90
Le Corbusiers Bauten sorgten für Verwirrung. War seine 1955 im Dorf Ronchamps in Frankreich errichtete Kirche, die "Notre-Dame du Haut", ein neues Kapitel der Baugeschichte? Oder ein "nicht zu überbietendes Beispiel von Neuerungssucht, Willkür und Unordnung"? Der damals weltberühmte Architekt gilt vielen noch immer als Vertreter einer technokratisch-mechanistischen Moderne. Niklas Maak folgt ihm an den Strand, wo dieser unablässig Steine, Muscheln und anderes Strandgut studierte. Die Objekte, die immer wieder an zentralen Stellen in Le Corbusiers Werk auftauchen, beschäftigen bis heute Architekten auf der Suche nach neuen Formen.
- Clemens Meyer
- Die Nacht, die Lichter
- Fischer TB 2010
- ISBN 978-3-596-17487-4
- € 9,95
Er setzt alles auf eine Karte, der Hundebesitzer, der auf der Rennbahn sein Geld verwettet, um eine teure OP zahlen zu können. Sie will es allen zeigen, die junge Frau, und sich vom Flüchtlingsschiff in die erste Liga hochboxen. Sie reden eine Nacht lang, der junge Mann und eine alte Freundin, haben einander zufällig wiedergetroffen, sie denkt vielleicht an ein gemeinsames Leben, doch er weiß, dass es anders kommen wird. Clemens Meyer erzählt von der Hoffnung, einmal im Leben den großen Gewinn einzustreichen, von dem Willen, etwas aus sich zu machen, und der verpassten Liebe. Seine Geschichten spielen in der stillen Wohnung, in der Lagerhalle und am Fluss. Seine Helden sind dem Leben ausgesetzt, es sind die Heimatlosen und Träumer, die die nächtliche Stadt durchstreifen. Meyer trifft die Töne unserer Zeit: In seinen rauen, präzisen und zarten Sätzen spricht er von verlorenen Illusionen, von Sehnsucht und Einsamkeit.
- Nadja Budde
- Such dir was aus, aber beeil dich!
- Fischer 2009
- ISBN 978-3-596-85321-2
- € 19,95
Karierte Schürzen und Eierlikör, Kartoffeln, Fliegen und Tapetenmuster, Langeweile und Abenteuer: Die Zeit dehnt sich, die Sommer sind endlos, die Welt der Erwachsenen ist sonderbar und undurchschaubar, und dass man je so wird wie sie, ist ganz undenkbar. Woran man sich erinnert, wenn man an seine Kindheit zurückdenkt, ist Glückssache. Oft sind es Details, an die sich Erinnerungen knüpfen, die allerkleinsten, allernormalsten Dinge, aus denen sich in der Rückschau eine ganze Welt zusammensetzen kann. Nadia Budde, aufgewachsen bei den Großeltern in einem kleinen brandenburgischen Dorf und später bei der Mutter in Magdeburg und Ostberlin, blickt zurück mit der ihr eigenen Mischung aus Witz und Genauigkeit. Reich begabt als Zeichnerin wie als Autorin, ist sie seit Jahren eine der interessantesten Künstlerinnen auf dem deutschen Kinderbuchmarkt. Mit »Such dir was aus, aber beeil dich« geht sie neue Wege: Ihr Erinnerungsbuch steht irgendwo zwischen Comic und Graphic Novel und entwirft dabei so assoziationsfreudig wie detailliert ein Panorama, in dem das individuelle Erleben auf Erfahrungen verweist, die jeder kennt, der einmal Kind gewesen ist.
Buchtipps des Monats - Januar 2010
- Mary Ann Shaffer
- Deine Juliet
- Rowohlt TB 2009
- ISBN 978-3-499-24593-0
- € 8,95
Eines Tages erhält die Schriftstellerin Juliet, die in den späten vierziger Jahren in London lebt, einen erstaunlichen Brief. Absender ist Dawsey Adams, ein Bauer von der Kanalinsel Guernsey, der antiquarisch ein Buch erworben hat, das zuvor ihr gehörte. Da ihre Adresse vorn im Buch steht, wendet er sich an sie, um mehr über den Autor zu erfahren, der ihn fasziniert. Zwischen der Literatin und dem Bauern entspinnt sich ein anrührender Briefwechsel, durch den Juliet von der Existenz der "Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society" erfährt, einer literarischen Gesellschaft, die die Inselbewohner - ungeübte Leser - gründeten, um sich über die schwere Kriegszeit hinwegzuhelfen. Je mehr Juliet über Dawsey und die anderen erfährt, desto mehr wünscht sie sich sie zu treffen. Sie beschließt, auf die Insel zu reisen.
Einhellig kommen die RezensentInnen dieses Buches zu einem Schluss: nach anfänglicher Skepsis ob des angekündigten Romandebüts einer 70jährigen Autorin, der Briefform des Romans und der im Klappentext umrissenen Handlung aus dem Jahre 1946 legt man dieses Buch nicht halb gelesen wieder aus der Hand.
" 'Deine Juliet' ist kein literarisches Meisterwerk, aber ein Kleinod, ein wunderbares, tatsächlich bezauberndes Buch, genauer: ein Briefroman." (Felicitas von Lovenberg)
"Auf einen Briefwechsel aus der Nachkriegszeit zwischen einer Schriftstellerin und komischen Leuten auf einer Insel hatte ich überhaupt keine Lust. Diesmal hatte sich mein Buchhändler wohl geirrt. Hat er nicht. Er hat mir ein großartiges Buch empfohlen. Ich musste einfach nur meine kleinlichen Vorbehalte beiseite schieben. Diesen Briefroman zu lesen, war ein großes Vergnügen." (Christine Westermann)
Mehr Informationen zum Roman:
- faz.net: Rezension von Felicitas von Lovenberg (3. April 2009)
- perlentaucher.de: Rezensionsübersicht
- Jenny Erpenbeck
- Heimsuchung
- btb 2010
- ISBN 978-3-442-73894-6
- € 8,00
Ein Haus an einem märkischen See - und wie ein ganzes Jahrhundert in ihm wütet - Ein Haus an einem märkischen See: Es ist der Schauplatz für fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden ein Panorama des letzten Jahrhunderts, das verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt.
Buchtipps des Monats - Dezember 2009
- Herta Müller
- Atemschaukel
- Hanser 2009
- ISBN 978-3-446-23391-1
- € 19,90
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.
Herta Müller erhielt den Literaturnobelpreis 2009.
- Fernando Pessoa
- Ein anarchistischer Bankier
- Wagenbach 2006
- ISBN 978-3-8031-1236-1
- € 13,90
Von einem Freund befragt, gibt "ein großer Händler und ehemaliger Schieber" Auskunft über seinen Aufstieg vom einfachen Arbeiter zum wohlhabenden Bankier. Aber auch über seine anarchistische Gesinnung, die er nie aufgegeben hat. Mit verblüffend schlüssiger Logik legt er seinem fassungslosen Zuhörer dar, daß diesem Aufstieg eine anarchistische Methode zugrunde liegt: "Geld zu erwerben, es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte." Der einzig logische Schluß kann denn auch nur lauten: Der wahre Anarchist muß Bankier werden, der wahre Bankier ist konsequenter Anarchist.
- Volker Sielaff (Hrsg.)
- Der Humor der Wolken. Moderne Poesie aus Taiwan
- Taipei Book Fair Foundation 2009
- € 8,00
„Mir scheint das weiße Blatt eine schöne Metapher für die Übersetzung von Poesie und für das Dichten im allgemeinen zu sein“, schreibt Volker Sielaff in der von ihm herausgegebenen Sammlung moderner Poesie aus Taiwan „Der Humor der Wolken“. Da ist nicht an Versinterung gedacht,sondern eher an die Stille, in die Töne gemengt wird und das Unbunte, dem man Farben aufmalt. Das Gedicht ist jenes Gebilde, mit dem die Korrespondenz beginnt, dort, wo noch nichts ist, und es führt sie auf seine Weise je nach Kultur und Sprache und Individuum. Das taiwanesische Gedicht muß ein anderes sein und ist vom Grunde her wie jedes andere auch ein universelles.
Gerade mal 12 Dichter/innen findet man in diesem Paperback, von acht Übersetzern übertragen. Es kann nur eine grobe erste Skizze sein, ein Appetizer. Ob auf den einsamen Alten Zhou Mengdie (geb. 1921), bei dem das Offensichtliche verschwimmt und die Realität zur Fähre wird, auf der man übersetzt von Moment zu Moment, oder auf die international schon bekanntere Hsia Yü (geb. 1956), die das sinnschwere Bauchreden mit Zufallsreden ersetzt (tatsächlich hat sie für ihren Gedichtband „Reibung: unaussprechlich“ den Vorgänger „Bauchrednerei“ Zeichen für Zeichen zerschnitten, Zeichen, die ja in der chinesischen Sprache für Morpheme, ganze Begriffe stehen, und völlig neu zusammengesetzt). Es gibt einige lesenswerte Gedichte darin, und das macht bei einigen Autoren Appetit auf mehr. (Frank Milautzcki)
- Der vollständige Text der Rezension von Frank Milautzcki auf fixpoetry.com
- Das Vorwort von Volker Sielaff aus Lyrikzeitung & Poetry News
- Karin Duve
- Weihnachten mit Thomas Müller
- Eichborn 2004
- ISBN 978-3-8218-0747-8
- € 9,95
Thomas Müller, der Teddy der Familie Wortmann, hat beim Weihnachtseinkauf seine Familie verloren. Dann wurde er von einem Taxifahrer verprügelt, der merkte, dass er sich ohne Geld in die heimatliche Vorstadt kutschieren lassen wollte. Verzweifelt sitzt der Teddy mitten in der menschenleeren, nächtlichen Innenstadt von Hamburg, wo sein verfilztes Fell langsam am Brunnenrand festzufrieren beginnt... "Weihnachten mit Thomas Müller" ist ein Märchen über die Hoffnung und die Hoffungslosigkeit, über Verzweiflung und Freundschaft, über Heimat und die Freuden unvermuteter Rettung.
Buchtipps des Monats - November 2009
- Lars Gustafsson
- Frau Sorgedahls weiße Arme
- Hanser
- ISBN 978-3-446-23273-0
- € 19,90
"Ich brauche nicht zu verreisen. Ich bin schon da.", sagt Gustafssons Ich-Erzähler, ein siebzigjähriger Philosophieprofessor in Oxford, wenn er sich auf eine Zeitreise in seine Vergangenheit begibt. Denn die Zeit ist für ihn ein Möbiusband, ohne Anfang, ohne Ende und immer gleichermaßen präsent. Und schon ist er mitten drin im Schweden der fünfziger Jahre, im vertrauten Västmanland. Bei der frommen Pfingstgroßmutter und ihrer halbverrückten Schwester, beim Geschmack der Zimtbirnen, bei den heimlichen „philosophischen“ Treffen der Jungs im Heizungskeller und bei Magister Slipsten, dem sadistischen Lehrer, der von den Schülern aus Rache in den Wahnsinn getrieben wird. Und vor allem bei den Frauen, den frühen Geliebten, die noch genauso verführerisch und ein wenig rätselhaft sind wie damals: Ingela, die Tochter des Gießers aus dem benachbarten Sommerhaus, und Frau Sorgedahl, die einen langweiligen Mann und so schöne weiße Arme hat.
Nach vielen Jahren ist Gustafsson an die vertrauten Schauplätze seiner Jugend in Västmanland zurückgekehrt, zu seinem Glück und zu dem der Leser, ein weiser, schalkhafter Erzähler, voll gelassener Heiterkeit.
Lars Gustafsson liest am 17. November, 20 Uhr, auf Einladung des Literaturforum Dresden im Deutschen Hygienemuseum. Die ausführliche Ankündigung dieser Veranstaltung finden Sie hier.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor:
- Leseprobe des Carl Hanser Verlages
- perlentaucher.de: Rezensionsübersicht
- literaturkritik.de: Rezension von Volker Heigenmooser, Juli 2009
- Deutschlandradio Kulur: Rezension von Carola Wiemers, 8. April 2009
- Petr Halmay
- Schlusslichter
- edition korrespondenzen
- ISBN 978-3-902113-61-0
- € 17,90
»Schlusslichter« von Petr Halmay ist eine knappe, lakonische Lebensbilanz eines Mittvierzigers. Seine Gedichte umspielen in feinen Tönen jene Zäsur in der Mitte des Lebens, wo die eigene Endlichkeit nicht nur bewusster, sondern vor allem auch stärker wahrgenommen wird. Elegisch gestimmte Orte – eine dahinkümmernde Sommerfrische, das Möbellager eines Theaters, hölzerne Bootshäuser – grundieren die still bewegten Bilder und Momentaufnahmen, in welche nach und nach erst der Sohn, dann der Vater, die Mutter und die eigene Frau auftauchen. Diese gewinnen zunehmend an Raum, sodass sich inmitten »des von keinem gesehenen Todes« eine zarte Verschiebung abzeichnet von der wehmütigen Stagnation hin zu einem in seiner Brüchigkeit glückenden Leben. Mit sicherem Gespür für Details, ja scheinbare Nebensächlichkeiten, kreiert Halmay eine Atmosphäre, die in ihrer Leichtigkeit und Melancholie jene entscheidenden existenziellen Zwischentöne einfängt, die das menschliche Sich-Selbst-Fremdsein sichtbar werden lassen und es in heilsamer Stille auffangen.
Buchtipps des Monats - Oktober 2009
- Jens Wonneberger
- Heimatkunde
- Fischer TB
- ISBN 978-3-455-38067-5
- € 16,99
Elbflorenz, Barockstadt an der Elbe, Tal der Ahnungslosen und das durch nichts zu erschütternde Selbstverständnis der Bewohner in einer Kunst- und Kulturstadt zu leben – das Bild von Dresden ist reich an Klischees. Jens Wonneberger besucht die Alten Meister, spaziert über die Brühlsche Terrasse, wandelt durch die Straßen der Äußeren Neustadt, besteigt einen Elbdampfer und berichtet von Kugelhäusern. Sein historischer Blick ermöglicht ihm ein Erzählen in lebendigen Geschichten, ein Hinterfragen des Mythos' Dresdens barocker Pracht; er geht dem Trauma von dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nach und berichtet vom Verlust des Titels als Weltkulturerbe.
Lesung und Buchpremiere am 24. September 2009, 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden
- Ilija Trojanow
- Der Weltensammler
- dtv
- ISBN 978-3-423-13581-8
- € 9,90
Der uralte Rhythmus einer indischen Tabla-Trommel, ein Menschenmeer, der Geruch von Henna und faulem Fisch -- tausend Eindrücke schwappen dem Neuankömmling entgegen. Als Kundschafter der englischen Krone soll Richard Francis Burton in der Kolonie Britisch-Indien dienen. Für den wissensdurstigen Burton ist dies eine verlockende Aufgabe. Doch aus Neugierde erwächst bald eine regelrechte Obsession, das Fremde zu enträtseln und darin aufzugehen. Der britische Offizier Sir Richard Burton ist einer der seltsamsten Menschen des an exzentrischen Figuren reichen 19. Jahrhunderts: Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen und jede Anstrengung zu vermeiden, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in die fremden Religionen und reist zum Schrecken der einheimischen Behörden anonym in diesen Ländern herum. So betritt er, in Indien zum Islam konvertiert, als einer der ersten Europäer unerkannt die heiligen Stätten von Mekka und Medina; und er reist zu den Quellen des Nils - eine seelische und körperliche Zerreißprobe, die zum Zusammenbruch führt.
Iljia Trojanow hat einen farbigen Abenteuerroman geschrieben, der durch genaue Sachkenntnis begeistert. Er ist Burton durch drei Kontinente hinterhergereist, um der Faszination, die Hinduismus, Islam und afrikanischen Naturreligionen auf ihn ausübten, aufzuspüren.
- Robert Bolaño
- Telefongespräche
- dtv
- ISBN 978-3-423-13669-3
- € 9,90
Seit kurzem pflegen Sensini und der junge Mann Briefkontakt. Regelmäßig versuchen die beiden ihr Glück als Preisgeldjäger bei unbedeutenden Literaturwettbewerben. Nach Wochen vertraut Sensini seinem neuen Brieffreund an, daß er sich einen Sport daraus macht, bei den Wettbewerben dieselben Texte unter verschiedenen Titeln einzureichen... Sei es eine Parodie auf die korrupte Preisvergabe im Literaturbetrieb, ein meisterhaft arrangierter Dialog zwischen zwei chilenischen Polizisten, die sich als die ranghöchsten Schlächter der chilenischen Militärdiktatur entpuppen, oder die hinreißende Liebesgeschichte zwischen einer Hochspringerin und dem Gehilfen eines russischen Gangsterbosses: in vierzehn traurigen und zugleich schrecklich komischen Geschichten entführt uns der große Meister und Erneuerer der lateinamerikanischen Literatur in die Labyrinthe des Lebens – entlang der Grenze zwischen Fiktion und Realität.
Roberto Bolaño, geboren 1953 in Santiago de Chile, gestorben 2003, erhielt 1999 den wichtigsten südamerikanischen Literaturpreis "Rómulo-Gallegos". Lange Zeit lebte er in Mexiko. 1973, während Pinochets Militärputsch, wurde er in Chile verhaftet, saß ein halbes Jahr im Gefängnis und ging danach zurück nach Mexiko und weiter nach Spanien.
- Blaise Cendrars
- Auf allen Meeren
- dtv
- ISBN 978-3-85787-714-8
- € 14,00
Im Süden Frankreichs hält sich ein Schriftsteller versteckt, der als Wahlfranzose zuvor die ganze Welt bereist und in sein Schreiben aufgenommen hatte: Blaise Cendrars. Ein Autor, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Avantgarde gehörte und der zum Schreiben immer das Reisen und die Begegnung mit fremden Menschen und Kulturen brauchte, hält in kriegsbedingter Immobilität literarisch Rückschau. 1944, im Jahr der Befreiung von Paris, schreibt Cendrars in Aix seinen Lebens-»Roman« in Stücken: Die Signatur des Feuers, Die rote Lilie, Rhapsodie der Nacht und Auf allen Meeren, eine geballte Ladung von Erinnerungen, die entscheidende Lebenserfahrungen an elf europäischen Hafenstädten festmacht und von da aus das Universum des Cendrarsschen Schreibens reportagehaft sichtet. Mit Auf allen Meeren wird der legendenumwobene Autor auch als sein eigener Legendenbildner und gleichzeitig als Chronist seiner Schlüsselerlebnisse greifbar und als ein Schriftsteller, der sein Metier auch in Zeiten der Not beherrschte.
Buchtipps des Monats - Juli 2009
- Clemens Eich
- Das steinerne Meer
- Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17911-4
- € 9,95
Im Schatten des Steinernen Meers, einem gewaltigen Gebirgszug an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland, liegt Muna. Dort pflegt der zwölfjährige Valentin seinen Großvater. Während der Großvater Bilanz zieht, muß sich der Enkel auf sein Leben vorbereiten. Eindringlich beschreibt Eich die Sehnsüchte zweier Menschen, die sich um Orientierung bemühen. Der Held im "Steinernen Meer", ein im Bett fiebernder Junge mit furchtbarem Ausschlag an den Füßen, fantasiert von den anstehenden Olympischen Spielen in Innsbruck, träumt davon, Erster im Abfahrtslauf zu werden. Die Eltern sind fort, in Sizilien, und er ist allein mit seinem sterbenden Großvater, dessen bedrohlicher Vergangenheit und der Gegenwart einer abgeschiedenen Bergwelt, in der den Menschen das Leben abhanden zu kommen scheint.
Clemens Eich wurde 1954 in Rosenheim als Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich geboren. Nach der Schauspielschule in Zürich hatte er Engagements in Landshut, Frankfurt und Wien. 1996 erhielt er den Hamburger Mara-Cassens-Preis zuerkannt. Clemens Eich starb 1998 infolge eines Unfalls.
- Joachim Sartorius (Hrg.)
- Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-86648-081-0
- € 18,00
Das Meer als Meer - die schiere Weite, die endlose, aber auch eintönige Wasseroberfläche - hat die Dichter nicht wirklich inspiriert. Die Phantasie entzündete sich an den wechselnden Horizonten, an der beweglichen Linie zwischen Wasser und Land, an den unberechenbaren Stimmungen, an Ruhe und Sturm. Das Unermessliche selbst war eher Projektionsfläche für Sehnsüchte, diente als Metaphernspeicher für den Ursprung, das Offene, das Abgründige, auch für das Glück über den Abgründen. Es waren die Romantiker, die das Meer zum Ort der Selbstentdeckung machten, Bilder und Klischees prägten, die bis heute fortwirken: Das Meer als Meer der Gefühle. In ihrem Gefolge haben die Psychologen die Anziehung des Meeres damit erklärt, dass es ein Spiegel der Seele sei. Das harrt noch der Forschung. Wir sind geängstigt und fasziniert zugleich. Das findet sich in vielen Meeresgedichten wieder, gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert, bei Herman Melville und Walt Whitman, die das Dämonische und Unergründliche der See zu einer Zeit sangen, da wir noch nicht über die Ozeane fliegen konnten und diese Ozeane die Strategien der menschlichen Bewegung und Imagination vorzeichneten. Selbst heute, trotz der Domestizierung der Küsten und eines globalisierenden Strandlebens, bleibt das Meer Mysterium. Die Faszination des Elementaren hält an. «Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer», dichtete Gottfried Benn und meinte mit dieser Formel die Anziehungskraft des Offenen, des Ungebundenen für uns Beschränkte und Eingeschränkte.
- Gillian Johnson
- Thora Meermädchen
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-21521-6
- € 7,95
Thora ist wahrhaftig ein ungewöhnliches Mädchen: Ihre Beine sind mit schillernden Schuppen besetzt, ihre Füße schimmern lila und unter ihrem lustigen Pferdeschwanz versteckt sich ein kleines Wasserloch. Thoras Zuhause ist ein Boot, ihr Haustier ist ein Pfau - und ihre Mutter eine echte Meerjungfrau! Zehn Jahre lang ist Thora mit ihrer Mutter über alle Weltmeere gereist. Doch nun muss sie allein in der Welt der Menschen zurechtkommen. So will es ein alter Fluch, der auf Thora lastet. Auf den ersten Blick scheint alles ruhig in Thoras Heimathafen Grimli. Doch das verträumte Fischerdörfchen ist fest in der Hand des miesen Immobilienhais Frooty de Mare, der den Ort in eine Hotelhochburg verwandeln will und vor nichts zurückschreckt - noch nicht einmal vor Meerjungfrauen. Als Thoras eigene Mutter in große Gefahr gerät, muss Thora etwas unternehmen. Wie gut, dass sie neue Freunde gefunden hat!
Buchtipps des Monats - Juni 2009
- Walter Kappacher
- Der Fliegenpalast
- Residenz Verlag
- ISBN 978-3-7017-1510-7
- € 17,90
August 1924: H. ist auf der Rückreise und macht Halt in Fusch, einem Kurbad in den Salzburger Alpen, wo er mit seinen Eltern vor dem Krieg lange Sommer verbrachte. Inzwischen hat sich viel verändert: Freunde sind ihm abhanden gekommen, sein Ruhm liegt Jahre zurück, sein Schaffen ist bedroht von einer labilen Gesundheit und den leisesten Störungen. Auch im abgelegenen Bad Fusch hat die neue Zeit Einzug gehalten, an der er nur mehr als Beobachter teilnimmt, der sich selbst zunehmend fremd geworden ist. Bei einem Spaziergang wird H. ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, lernt er den jungen Doktor Krakauer kennen, den Privatarzt einer Baronin. Auch er ist ein Rückkehrer in einer fremden Welt. H. sucht dessen Freundschaft, doch da ist die Baronin und da ist die Einsamkeit, der er nicht mehr entkommt. Walter Kappacher erzählt von einem Leben, das die Zeit überholt hat: mit fesselnder Intensität und luzidem Einfühlungsvermögen, so souverän wie virtuos. Er bestätigt damit seine Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur: ein Seltener (Peter Handke).
Walter Kappacher erhält den Georg Büchner Preis 2009.
- Brian Selznick
- Die Entdeckung des Hugo Cabret
- cbj
- ISBN 978-3-570-13300-2
- € 19,95
Hugo Cabret, seines Zeichens Waisenjunge, Dieb und Wächter der Uhren, lebt verborgen in den Gemäuern des Pariser Bahnhofs. Niemand weiß vonihm, dem Jungen, der alles im Blick behält und sich doch allen Blicken entzieht. Bis ein kühnes Mädchen und ihr bärbeißiger Großvater auf ihn aufmerksam werden. Schlagartig ist in Gefahr, was Hugo so sorgsam hütet: seine geheime Existenz und damit die rätselhafte Zeichnung, das liebevoll aufbewahrte Notizbuch und der mechanische Mann. Jene Dinge, die den Weg zu seinem wohl gehüteten faszinierenden Geheimnis weisen Illustration, Text und Filmelemente grandios kombiniert Rund 200 großartige doppelseitige Schwarzweißzeichnungen erzählen ein Drittel des Buches DAS Meisterstück eines großen Geschichtenerzählers und brillanten Zeichners
- Laute Verse
- Gedichte der Gegenwart- herausgegeben von Thomas Geiger
- DTV
- ISBN 978-3-423-24692-7
- € 14,90
Die Lyrik gilt derzeit als die Avantgarde der deutschen Literatur. So vital, so experimentierfreudig, so unterhaltsam, so klug wird derzeit nirgendwo sonst die Welt in Worte gefasst. Zwanzig Jahre nach der Wende hat sich eine neue Autorengeneration gebildet. Schädelmagie stellt die wichtigsten jungen Lyriker vor und bietet so einen profunden Überblick über die Lyrik der Gegenwart. Zudem gibt jeder Autor mit der Interpretation eines seiner Gedichte einen Einblick in seine Schreibwerkstatt. Mit Gedichten von Thomas Kling, Durs Grünbein, Marcel Beyer, Volker Sielaff, Christian Lehner, Jan Wagner, Marion Poschmann, Daniela Danz, Raphael Urweider, Kurt Aebli, Silke Scheuermann, Henning Ahrens, Sabine Scho u.a.
- Ferit Edgü
- Ein Winter in Hakkari
- Unionsverlag
- ISBN 978-3-293-20021-0
- € 8,90
In den äußersten Osten der Türkei wird er als Lehrer geschickt, ins Hochgebirge zwischen Felsen und Schluchten, ohne Straße und Strom. Die Menschen sprechen eine fremde Sprache, gehen barfuß im Schnee, und noch kein Städter hat es bisher geschafft, einen Winter lang ihr Leben zu teilen. Er steht vor einer Welt voller Rätsel und Schweigen. Sein Wissen, seine Erinnerungen, all das, was er mitgebracht hat, macht ihn nur einsam und verloren.Doch allmählich taucht er ein in diese Realität jenseits all dessen, was er Zivilisation nannte. Als der Winterschnee schmilzt und man ihm mitteilt, er könne wieder gehen, wohin er wolle, hat er vergessen, daß dieser Ort sein Gefängnis war. Der Lehrer hat manches gelehrt. Aber vor allem hat er gelernt: Wie die Wölfe in die Dörfer kommen und man sich bei minus 25 Grad mit dem eigenen Atem am Leben erhält. Wie man alle Säuglinge sterben sieht, ohne den Verstand zu verlieren, wie man Leid klagt und Geschichten erzählt. Er hat gelernt, wie man es schafft, die Stimmen der Stille und der Hilflosigkeit zu hören.
Buchtipps des Monats - Mai 2009
- Eleonora Hummel
- Die Venus im Fenster
- Steidl
- ISBN 978-3-86521-878-0
- € 18,00
Zehn Jahre hat Alina ihre Schwester Irma nicht mehr gesehen, nun wartet die junge Frau am Berliner Ostbahnhof auf die späte Nachzüglerin. Die rußlanddeutsche Familie Schmidt war Anfang der achtziger Jahre nach Dresden gekommen. Alina erinnert sich, wie sich die neue, fremde Heimat anfühlte, deren Sprache sie nicht verstand und deren Verheißungen groß schienen. Wie aus den deutschen Russen mit der Zeit russische Deutsche wurden. Und wie Oma Erika, die Donauschwäbin, vom harten Leben der Vorfahren in Kasachstan erzählte.
Eleonora Hummel entfaltet in ihrem Roman die wendungsreiche Geschichte einer Aussiedler-Familie, die sich auf eine Reise ins vermeintlich gelobte Land macht und auf dem harten Boden der Realität landet. Nach einigen Jahren im DDR-Sozialismus fällt die Mauer und mit ihr der Zusammenhalt: Nun macht jeder seinen eigenen Gebrauch von der neuen Freiheit. Spannend, präzis beobachtend und mit leisem Humor schreibt Eleonora Hummel vom langen Atem der Vergangenheit, von Glücksversprechen und einer jungen Heldin auf der Suche nach sich selbst.
- Frode Grytten
- Die Raubmöwen besorgen den Rest
- dtv
- ISBN 978-3-423-21116-1
- € 8,95
Im heißen Sommer 2002 stürzt ein Einwohner Oddas mit seinem Wagen in den reißenden Fluss. Es war kein Unfall, und da der Tote Mitglied der Bürgerwehr war, werden bald ein paar Serben aus dem Asylantenheim verdächtigt. Während sich das öffentliche Vorurteil und die Medien auf die Ausländer stürzen, entdeckt der langsame und zähe Robert Bell nach und nach den wahren Grund für den Mord. Die Wahrheit will aber mittlerweile niemand mehr wissen, denn die Medien haben schon längst neue Themen gefunden. Mit seiner Bedächtigkeit hat Bell das Nachsehen, aber nun droht sie ihm auch noch zum Verhängnis zu werden: seit Jahren hat er sich in einer ausweglosen Affäre mit seiner großen Liebe Irene eingerichtet, und als sie spurlos verschwindet, ist das für manche eine hervorragende Gelegenheit, Bell dranzukriegen.
In einem eigenwilligen Ton, mit einer non-chalanten Gelassenheit und einer großen Wahrhaftigkeit schafft Frode Grytten einen markanten und dabei keineswegs zweifelfreien Helden in einer schwierigen Zeit.
- Peter Stamm
- Agnes
- Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17912-1
- € 8,95
Im überheizten Lesesaal der Public Library in Chicago wechseln sie die ersten Blicke, bei einem Kaffee die ersten Worte: er, ein Schweizer, der über amerikanische Luxuseisenbahnwagen recherchiert, sie, eine amerikanische Physikstudentin, die ihre Dissertation schreibt. Sie gehen zusammen essen, machen Ausflüge in die nahegelegenen Wälder oder spazieren am Lake Michigan entlang. Eines Tages fordert die junge Frau ihn auf, eine Geschichte über sie zu schreiben, damit sie sieht, was er von ihr hält. Schnell zeigt sich, daß Bilder und Wirklichkeit sich nicht entsprechen - und daß die Phantasie immer mehr Macht über ihre Liebesbeziehung erhält.
Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher.
(Arno Schmidt)
- Laszlo Krasznahorkai
- Im Norden ein Berg, im Süden ein See,
im Westen Wege, im Osten ein Fluß - Fischer TB
- ISBN 978-3-596-17243-6
- € 8,95
Im Süden Kyotos, an der einschienigen Schnellbahn der Kaihan-Linie gelegen, nur eine Haltestelle außerhalb der Stadt, ist ein Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt den Enkel des Prinzen von Genji an diesen abgelegenen Ort. Irgendwo hier müßte er sein, der schönste Garten der Welt. Wie von selbst werden seine Schritte durch die Klosteranlage gelenkt. Eine ausgeklügelte Bauweise hat die Natur in Form gebracht, jedes Ding hat seinen Platz und seine wohlgeformte Gestalt eine Bedeutung an sich. Und so eröffnet sich ein feiner, minutiöser Blick auf die Natur, auf Pflanzen, Wind und Vögel, wie auch auf die Architektur, auf Pagoden, Höfe, Terrassen. Das Kleine groß werden zu lassen, Unauffälliges in den Mittelpunkt zu rücken, die Bedeutung zu erkennen, die selbst dem scheinbar Zufälligen innewohnt, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren und das ordnende Prinzip im angeblichen Chaos zu benennen, all das leistet László Krasznahorkai bei seinem Ausflug in die japanische Landschaft und in Japans Ideen- und Gedankenwelt. Entstanden ist ein literarisches Kleinod von ungekannter Tiefe, ein meditativer Text, der auch europäische Gemüter lehrt, sich in die zirkuläre Denkweise des fernen Ostens einzufühlen.
Lesung am 28. Mai 2009, 20 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1
Buchtipp des Monats - März 2009
- Martina Hefter
- Die Küsten der Berge
- Wallstein
- ISBN 978-3-8353-0330-0
- € 19,00
Fein gewoben und kraftvoll sind die Erzählbilder, die Martina Hefter herstellt. Erinnerungen und Augenblicke der unmittelbaren Gegenwart sind gleichermaßen in ihnen eingefangen und scharfgestellt.In Binz auf der Ostseeinsel Rügen treffen sie nach einer langen Autofahrt beim »Böhmerwirt« ein, eine Familie mit zwei Kindern, über die Martina Hefter ihr Erzählnetz auswirft. Bilder werden aufgerufen aus der unmittelbaren Wahrnehmung, aus den Medien, der Kindheit: das lange zurückliegende Ausreißen mit der Freundin aus dem kleinen Heimatort in den deutschen Alpen über die österreichische Grenze in Richtung Italien; die Steilhänge am Meer, wo die Kinder plötzlich verschwunden sind und die Suche nach ihnen sich zu Stunden zu dehnen scheint; der Vater in der örtlichen Traktorenfabrik; die sächsischen Nachbarn; der Mann mit der schwarzen Maske, der während der olympischen Spiele in München mit einem Maschinengewehr auf einem Balkon steht und etwas vorhat, von dem die Eltern sagen, Kinder könnten es nicht verstehen.
Martina Hefter hebt Zeit und Raum im Erzählen auf, in einer wunderbar leichten Sprache, die die Erdenschwere ins poetische Schweben bringt. Sie erzählt mit spielerischer Kraft und ungemein sinnlicher Beweglichkeit, umkreist ihre Gegenstände, kehrt zum Ausgangspunkt zurück eine Feier des Unterwegsseins.
- Peter Härtling
- O’Bär an Enkel Samuel
- Kiepenheuer & Witsch
- ISBN 978-3-462-04060-9
- € 14,95
Nicht alle Schriftsteller haben eine Familie, aber die meisten. Schriftsteller schreiben nicht immer, aber meistens. Wenn ein Schriftsteller Schwierigkeiten mit dem Schreiben hat, kann seine Familie der Ausweg sein, gerade wenn sie über mehrere Generationen reicht und sich auch kleine Kinder darunter finden.
In diesem Fall ist es Enkel Samuel, der die Sprache lernt, die dem Schriftsteller zu fehlen scheint. Samuel findet und erfindet Wörter, liefert die aberwitzigsten Silbensprünge und Bubenstreiche und setzt seinen Großvater in größtes Erstaunen. Die überbordende Phantasie des »kleinen Herrn« führt dem Großen die eigene Blockade vor Augen, die sich durch Reisen zu Reden und Vorträgen längst nicht mehr durchbrechen lässt. Und so gibt es nur eine Lösung: Die wunderbar inspirierenden Spannungen zwischen Kind und Greis, die wortbefreiende Komik des Alltags und die innige Beziehung beider müssen erzählt werden. Und der Enkel muss erfahren, wie wichtig er für den Großvater geworden ist. Das geschieht in fünf Briefen an Samuel, dem Kernstück dieser warmherzigen Erzählung.
Peter Härtling gelingt ein Kunststück: Aus der genauen Beobachtung des Verhaltens und Sprechens eines Kleinkinds erschließt sich ihm ein Weg, von den großen Themen - Liebe, Alter, Verantwortung, Tod - zu erzählen und den Leser dabei tief zu berühren.
EIN BETAGTER MANN, der mit den Begleiterscheinungen des Alterns hadert und sich immer weiter zurückzieht, und ein Knirps, der sich voller Neugier und Lebenslust in die Welt begibt, begegnen einander: In seiner Erzählung vom Großvater O'Bär und seinem dreijährigen Enkel Samuel gelingt Peter Härtling eine spielerische und anrührende Verquickung von eigenem Erleben und literarischer Fiktion - und das Porträt einer innigen Beziehung.
(Verlagsinformation)
Buchtipp des Monats - Januar 2009
- Daniel Kehlmann
- Ruhm
- Rowohlt
- ISBN 978-3-498-03543-3
- € 18,90
Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten; nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen. Ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen den Verstand.
Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild ordnen, ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen: ein Spiegelkabinett. Ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen - voll unvorhersehbarer Wendungen, komisch und brillant.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor: Bookmarks 01/2009 des Rowohlt-Verlages
Buchtipp des Monats - Dezember 2008
- Uwe Tellkamp
- Der Turm
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-42020-1
- € 24,80
Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.
Mehr Informationen zum Roman und zum Autor:
- Suhrkamp Verlag
- Sonderseite des Verlages mit in Dresden gedrehtem Videobeitrag
- Die Welt
- Die magelnde Grazie der Shortlist - Deutscher Buchpreis 2008. Von Tilman Krause, 17. September 2008
- MDR Figaro
- Leipziger Poetikvorlesung 2008 von Uwe Tellkamp: Bericht von Michael Hametner (Hörbeitrag, 6:57)
- Wikipedia
- Seite zum Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp
Vorankündigung:
- Uwe Tellkamp
- Die Sandwirtschaft
Leipziger Poetikvorlesung 2008 - Geplantes Erscheinen: Januar 2009
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-06999-8
- € 8,90
- Nach oben
- Mehr Info/Bestellen
Jedes Buch ist eine Hand, die nach unserer Hand greift.
Vilém Flusser
- Klaus Funke
- Kleinolberndorf
- Husum Verlag
- ISBN 978-3-89876-205-2
- € 8,95
Klaus Funke erzählt von Menschen, von wunderlichen, seltsamen und ganz normalen, von ihren Schicksalen in den wechselnden Zeiten, der schlimmen und elenden Kriegszeit und den Umbrüchen danach. Die versammelten biographischen Bruchstücke aus dem erzgebirgischen Ort Kleinolberndorf verbinden sich zu einem Gemälde der Zeit nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Ein Maler wandert in das Dorf und skizziert die Lebensgeschichten wie die des Feldsängers, der aus bäuerlichen Verhältnissen stammend als junger Künstler eine Existenz versuchte aufzubauen, oder des Einsiedlers Jakub, der nach dem Tod seiner Frau seit drei Jahrzehnten in völliger Einsamkeit lebt. Es sind Menschen am Rande der dörflichen Gesellschaft. Ihre Sprache, ihre Eigenart, die Verbindung von individueller und allgemeiner Geschichte zeichnen ein lebendiges Bild vergangenen Lebens zwischen Leid und Lebensglück.
Lesung am 4. 12. 2008, 19 Uhr, im Stadtmuseum: Klaus Funke: Zeit für Unsterblichkeit
- Undine Gruenter
- Das gläserne Cafe
- Berliner Taschenbuch-Verlag
- ISBN 978-3-8333-0560-3
- € 8,90
Eine Frau lässt die Wohnung, in der ihre Liebe verloren ging, völlig von Grünpflanzen überwuchern. Eine andere beschließt, bis zum Ende des Lebens in einem Hotelzimmer auf ihren Liebhaber zu warten. Ein Mann steigt aus dem Zug und folgt einem in der Ferne winkenden Frauenarm. Unerfüllte Liebe lässt sie alle flüchten vor der Realität, die nur noch in stillen Bildern zu ihnen durchdringt: Eine Hand liegt neben dem Teller, Rotwein tropft auf ein weißes Tischtuch.
Undine Gruenter ist die große Meisterin der kleinen Form. Die unglaubliche Souveränität, die Undine Gruenter am Ende erreicht hat, übertrifft noch die Meisterschaft der letzten bitter-heiteren Erzählungen Ingeborg Bachmanns; noch weiter ist der literarische Spielraum, den die spätere mit tänzerischer Freiheit abmisst.
- Rutger Kopland
- Dank sei den Dingen
Ausgewählte Gedichte 1966 - 2006 - Hanser Verlag
- ISBN 978-3-446-23071-2
- € 14,90
"Die Dinge", schreibt Rutger Kopland in einer seiner poetologischen Betrachtungen, "sagen uns nichts
über sie selbst, außer dass sie immer schon da waren, da sind und immer da sein werden. Über uns sagen sie uns, dass auch wir aus Zeit geformt sind."
Kopland, 1934 in Goor geboren und emeritierter Professor für Psychiatrie, zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Niederlande. Seine Dichtung widmet sich immer wieder dem Gegenüber: Wahrnehmung, Versprachlichung, Erfahrung von Wirklichkeitsverlust, Trennung und Liebe sind Hauptthemen seiner Gedichte. Für Kopland bedeutet das jedoch nicht, dass das Gedicht Speicher melancholisch-sentimentaler Betrachtungen der Vergänglichkeit zu sein habe: Es ist unverrückbar in der Gegenwart verankert.
- Davide Longo
- Der Steingänger
- btb
- ISBN 978-3-442-73803-8
- € 8,00
In einem piemontesischen Tal wird ein Mann umgebracht: Cesare gilt als Hauptverdächtiger für den Mord an seinem Kumpanen Fausto, mit dem er jahrelang Flüchtlinge von Italien über die Berge nach Frankreich gebracht hat. Hat die Tat einen politischen Hintergrund? Und warum umgibt die Dorfbewohner eine explosive Stille? Welches Geheimnis hüten sie? Erst als eine Frau das Schweigen bricht, kommt es zu einer überraschenden Wendung, und Cesare, der Steingänger, der Wahrheit gefährlich nahe.
Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola bei Turin geboren. Nach seinem Studium erhielt er ein Stipendium für das Literaturinstitut »Scualo Holden« in Turin, wo er inzwischen selbst unterrichtet. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Premio Grinzane Cavour, den Premio Via Po sowie für »Der Steingänger« den Premio Città di Bergamo und den Premio Viadana. Davide Longo lebt in Carmagnola.
- Karla Schneider
- Großvater und ich
- dtv
- ISBN 978-3-423-62366-7
- € 14,90
Ein großer Krieg ist gerade vorüber. Es mangelt an allem. Die Menschen haben mehr Phantasie als Heizmaterial. Was nützt Geld, wenn es keine Waren gibt? Die Liebe des Großvaters zur Literatur und zur Musik ist es, die Ewelina zu unerhörten Taten anspornt. Sei es, Musikunterricht gegen Autogrammkarten eintauschen zu wollen, oder für die weihnachtliche Opernaufführung die Schauspieler mit Christstollen zu ködern. Manchmal klappt's, manchmal nicht. Wenn nichts klappt, ist ja immer noch Opa da.
Karla Schneider, geboren 1938 in Dresden, arbeitete nach dem Abitur zunächst ein Jahr lang in einer Fabrik und machte danach eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bis 1979 war sie als freie Journalistin tätig. Sie übersiedelte nach Wuppertal, wo sie seit 1989 als freie Schriftstellerin lebt. 2008 erhielt Karla Schneider den Alex-Wedding-Preis der Berliner Akademie der Künste für ihr umfangreiches kinder- und jugendliterarisches Werk.
Buchtipp des Monats - Oktober 2008
- Klaus Funke
- Zeit für Unsterblichkeit
Ein Rachmaninow-Roman - Faber & Faber
- ISBN 978-3-86730-066-7
- € 18,00
Sergej Rachmaninow! Wer kennt nicht die kraftvoll romantischen Klänge seiner Klavierkonzerte? Die Musik dieses Mannes ist unsterblich geworden. Aber wer kennt Rachmaninows Leben? Seine Ängste, Zweifel, Freuden und Leiden und die Geheimnisse seines Herzens?
Der Roman rafft die ersten 35 Lebensjahre des Musikers und Komponisten, so atemlos sie waren, wie in einem Film zusammen. Der Sohn eines russischen Landadeligen, 1873 geboren, wächst im Wirbel der Umwälzungen in Rußland zum bewunderten Jungstar heran, wird aus der Heimat herausgeschleudert ins europäische Exil, ins Schicksal des schließlich ruhe- und heimatlosen Weltkünstlers. Faszinierend, welchen Zeitgenossen er begegnet, Tschaikowski, Rubinstein, Rimski-Korsakow, Tolstoi, welche Kunst- und Musikmetropolen er berührt, Paris, London, New York, Moskau und Dresden vor allem, und mit welch magischer Kraft er bedeutende Werke schafft.
Ein farbenreiches Bild der Zeit entsteht, ein fesselndes Panorama von Jahrzehnten des Umbruchs, in denen sich ein wundersames Musikerschicksal zur Unsterblichkeit hocharbeitet.
Buchpremiere am 14. 10. 2008, 19 Uhr, im Palais im Großen Garten
Lesung: 4. 12. 2008, 19 Uhr, im Stadtmuseum
- Jens Wonneberger
- Gegenüber brennt noch Licht
- Steidl
- ISBN 978-3-86521-778-3
- € 18,00
Der Mann kann nicht anders, ständig muß er Informationen sammeln: Tagsüber prüft Plaschinski Rentenanträge; morgens und nach Feierabend protokolliert er, was sich in den Fenstern seiner Nachbarn gegenüber ereignet. Daraus reimt er sich ihre Biographien zusammen. Ein Bewohner, dessen Fenster verdeckt sind, weckt seine besondere Neugierde: ein zunehmend kniffliger Fall für den selbsternannten Ermittler.
Der Held von Jens Wonnebergers neuen Roman bleibt am liebsten im Schutz seiner eigenen vier Wände, denn draußen ist er seinen Gefühlen für seine Kollegin Anna-Sophia ebenso ausgeliefert wie der peinlichen Rückenschule im Reha-Zentrum. Man könnte Pleschinski für einen Voyeur halten, einen leicht defekten Außenseiter. Dabei ist er ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft - das ist ja das Unheimliche.
Hinter jedem Fenster steckt eine Verheißung, eine Gefahr, ein Schicksal; ein glücklicher, ein seltsamer, ein gefährdeter Mensch. Die Tragikkomik im Gewöhnlichen und Alltäglichen verdichtet Wonneberger mit klarer Sprache und präzisem Blick zu einem Seelenporträt der deutschen Gegenwart.
Buchpremiere am 8. 10. 2008, 20 Uhr, im Erich-Kästner-Museum
- Sheridan Hay
- Die Antiquarin
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-24387-5
- € 8,95
Als Rosemary Savage mit achtzehn Jahren aus der australischen Provinz nach New York kommt, hat sie auf der Welt nicht mehr als einen kleinen Koffer und ihre Liebe zu Büchern. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt entdeckt sie das riesige Antiquariat "Arcade". Sie ist völlig bezaubert von diesem Ort, und als sie dem Inhaber eröffnet, dass sie hier unbedingt arbeiten muss, wird sie zu ihrem Erstaunen sofort eingestellt. Der Zufall führt Rosemary und ihren eigenwilligen Kollegen Oscar auf die Spur eines verlorengeglaubten Manuskripts von Herman Melville. Ein außergewöhnlicher Fund, den auch der rätselhafte Manager des "Arcade" mit allen Mitteln für sich gewinnen will ...
Anspielungsreich und humorvoll - eine stilistische Meisterleistung. Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Buchtipp des Monats - August 2008
- Undine Gruenter
- Sommergäste in Trouville
- Berliner Taschenbuch-Verlag
- ISBN 978-3-8333-0085-1
- € 9,90
Undine Gruenter erzählt vom Meer und den Sommergästen, von den Hotels und denen, die dort ihre Ferien verbringen, aber auch von jenen, die in den verlassenen Orten bleiben, wenn der Trubel der Hochsaison vorbei ist und im Herbst nur die immer gleichen Dauergäste bleiben. So war es in der Belle Époque, und so ist es heute noch: Wer im Sommer von Paris ans Meer will, der fährt an die bretonische oder normannische Küste. Doch die Zeiten und die Moden ändern sich, und der Glanz der großen Zeiten von Flaubert bis Proust ist verblasst auf den Promenaden und den Stränden, unter den Markisen der Cafés und in den Gärten der Ferienvillen. Undine Gruenter entwirft ein Tableau von faszinierenden Figuren: Da ist die Achtzigjährige, die seit Jahr und Tag hierher zurückkehrt und bereits von dem ewig gleichen Taxifahrer erwartet wird, und da ist das kleine Mädchen, das die Ruhe der schattigen Ferienvilla für seine ersten erotischen Versuche nutzt, da sind Künstler, Geschäftsleute und rätselhafte Müßiggänger. Mit großer atmosphärischer Dichte und sprachlicher Finesse lässt Undine Gruenter eine Welt entstehen, die von großer Wirklichkeit ist und zugleich immer wirkt wie ein Traum aus einer anderen Zeit.
Undine Gruenter wurde 1952 in Köln geboren. Sie studierte Jura und Literaturwissenschaft und veröffentlichte zahlreiche Romane und Erzählbände. Sie starb 2002 in Paris, wo sie seit Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebte.
- Julian Ayesta
- Helena oder das Meer des Sommers
- dtv
- ISBN 978-3-423-13471-2
- € 7,50
Julian Ayestas einziges längeres Prosawerk, der Kurzroman "Helena oder Das Meer des Sommers" aus dem Jahr 1952, gehört laut El Pais zu den "zehn wichtigsten Büchern spanischer Prosa im 20. Jahrhundert". Im erinnernden Rückblick taucht eine Welt sinnlicher Fülle auf, die ein Junge inmitten seines unbeschwerten Familienclans erlebt. Die Bruchstellen zum Erwachsensein, wo sich die Gewißheiten der Kindheit auflösen, werden suggestiv ausgeleuchtet. Das Buch erzählt eine Initiationsgeschichte, in der Sommer und Meer zu Symbolen des jugendlichen Aufbruchs und der Grenzenlosigkeit erster Liebe werden. Beschworen wird eine bukolische Welt, eine Oase der Zeit kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs.
"Helena oder das Meer des Sommers" ist ein Juwel sensibler Erzählkunst, das mit überwältigendem Erfolg in Spanien wiederentdeckt wurde.
Julian Ayesta, geboren 1919 in Gijón. Nach dem Studium der Rechte, der Philosophie und Literatur ging er in den diplomatischen Dienst. Er schrieb Theaterstücke, "Helena oder das Meer des Sommers" ist sein einziges längeres Prosawerk. Julian Ayesta starb 1996.
- Wlodzimierz Odojewski
- Ein Sommer in Venedig
- SchirmerGraf
- ISBN 978-3-86555-044-6
- € 14,80
Marek träumt davon, in den Ferien nach Venedig zu fahren. Das hatte Mama ihm versprochen. Aber der Sommer 1939 hält andere Überraschungen für ihn bereit. Er bleibt in Polen - und erlebt eine Reise, die das echte Venedig an Wundersamem, Überraschendem, Poetischem bei weitem übertrifft. Obwohl er erst neun ist, weiß Marek bereits alles über diese magische Stadt. Er hat den Gesprächen der Eltern gelauscht, Photos aus Zeitschriften ausgeschnitten, sich sein eigenes Bild von der Lagune, den Palästen und Kanälen zusammengeträumt: Kein Wunder, sind doch auch Mama und ihre schönen, leicht versponnenen Schwestern durchaus phantasiebegabt. Aber dann: anstatt nach Venedig wird Marek überraschenderweise zu seiner Tante Weronika geschickt, aufs Land in eine Jugendstilvilla, umgeben von Obstbäumen und einem verwunschenen Garten. Eines Tages entdeckt Marek im Keller des Hauses eine Wasserpfütze, die sich rasch vergrößert. Kein Zweifel, eine Thermalquelle! Seine Lieblingstante Barbara greift die Idee prompt auf… Während draußen vom strahlend blauen Himmel die ersten Bomben fallen, taucht Marek ein in eine Phantasiewelt, ohne zu ahnen, dass sie das Ende seiner Kindheit bedeutet.
Buchtipp des Monats - Juni 2008
- Peter Kurzeck
- Ein Sommer, der bleibt
Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit (4 Audio-CDs, 290 Minuten) - Suppose Verlag
- ISBN 978-3-932513-85-5
- € 34,80
Das Dorf Staufenberg im Landkreis Gießen liegt auf einer Felskuppe. Hoch oben die alte Burg. Wenn der böhmische Flüchtlingsjunge Peter vom Turm ins Tal blickt, kommt ihm das wogende Korn vor wie das Meer, das er nicht kennt, sich aber immer wieder vorstellen muss, und die Flugameisen, die nur hier und nur an wenigen, Jahr für Jahr wiederkehrenden Tagen Hochzeit feiern, erzählen ihm vom Sommer, der kommt. Er sieht die Menschen im Dorf, von denen er nun selbst einer ist, und er sieht all die Wege, die vom Dorf wegführen: in die Weite des Tals vor dem Autobahnbau, zur Lahn und den Lahnwiesen, wo er mit den anderen Kindern spielt und einmal fast sein Taschenmesser verliert, zur Mühle, wo er mit seiner Mutter um ein Säckchen Mehl bittet, zum Rex-Filmtheater Lollar und zur Buderus-Hütt, dem großen Eisenwerk, nach Gießen zum Papierwarenhändler und zum Teufelslustgärtchen, und nicht zuletzt nach Frankfurt, wohin er später mit seinem Freund Eckart in den großen glitzernden Amischlitten der GIs trampt. Ein Kaleidoskop an Geschichten fügt sich zu einem detailreichen Bild von Nachkriegsdeutschland und früher Bundesrepublik.
Hören und Sprechen nicht als Derivat des Geschriebenen zu begreifen, sondern ihm als eigenständiger Form Gehör zu verschaffen - das war von Anfang an das besondere Anliegen von supposé. Mit "Ein Sommer, der bleibt" gehen wir auf diesem Weg einen bedeutenden Schritt weiter: In langen Gespräch-Sessions haben supposé-Betreiber Klaus Sander und der Schriftsteller Peter Kurzeck das bislang weitgehend mit Wissenschaftlern und Philosophen entwickelte Produktionsverfahren der freien Erzählung für die Literatur angewandt. Herausgekommen ist ein Roman, der ausschließlich in akustischer Form existiert.
Vergleichbar der improvisierten Vortragskunst der legendären schwarzen Bluessänger, die er in den 60er Jahren in hessischen Army-Clubs gehört hat, gerät Peter Kurzeck aus dem Gespräch heraus ins Erzählen und findet so zu einer neuen Form des Romans: ein Text, der erst während der Rede, während der Aufnahme entsteht, ohne Buchvorlage oder Manuskript eine Beschwörung. So entspinnt sich aus einer Kindheit im Dorf Staufenberg ein exemplarisches Leben, in dem schließlich die Kunst der Erinnerung in eins fällt mit der Kunst der Literatur.
- Monika Maron
- Stille Zeile Sechs
- Süddeutsche Zeitung Bibliothek
- ISBN 978-3-86615-540-4
- € 5,90
Die DDR Mitte der achtziger Jahre: Rosalind Polkowski, zweiundvierzigjährige Historikerin, beschließt, ihren Kopf von der Erwerbstätigkeit zu befreien und ihre intellektuellen Fähigkeiten nur noch für die eigenen Interessen zu nutzen. Herbert Beerenbaum, ehemals ein mächtiger Funktionär, bietet ihr eine Gelegenheitsarbeit: Rosalind soll, da seine rechte Hand gelähmt ist, seine Memoiren aufschreiben. "Er war mir wegen seines kurzen, aus den Kniegelenken geworfenen und auf der ganzen Sohle landenden Schritts aufgefallen, eine Art der Fortbewegung, die ich häufig an alten Männern beobachtet habe,von denen ich annahm, daß sie es aus ihren jüngeren Jahren gewohnt waren, sicher und, wie meine Mutter sagen würde, forsch aufzutreten." Trotz Rosalinds Vorsatz, nur ihre Hand, nicht aber ihren Kopf in den Dienst dieses Mannes zu stellen, kommt es zu einem Kampf um das Stück Geschichte, das beider Leben ausmachte, in dem der eine erst Opfer dann Täter war, und als dessen Opfer sich Rosalind fühlt. Die Auseinandersetzung mit Beerenbaum lässt sie etwas ahnen von den eigenen Abgründen und den eigenen Fähigkeiten zur Täterschaft. Stille Zeile Sechs ist die Adresse Beerenbaums, eine ruhige, gepflegte Gegend für Privilegierte, weit entfernt von dem, was in den Straßen der DDR vor sich geht ...
- James Krüss
- Mein Urgroßvater und ich
- Oetinger
- ISBN 978-3-7891-0693-4
- € 7,50
Der zehnjährige Boy hat einen kranken Fuß, und auch Urgroßvater ist nicht sehr unternehmungslustig. Deshalb richten sie sich auf Urgroßmutters Dachstübchen ein und schmieden Verse - sieben Tage lang. Es gilt nämlich herauszufinden, was eigentlich ein wahrer Held ist. Auf Tapetenrollen schreiben beide eine Heldenkunde aus Geschichten, Gedichten, Balladen und manch kleiner Fabel zum Lob des Heldentums ...
James Krüss (1926-1997) zählt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt.
"'Mein Urgroßvater, die Helden und ich' ist ein Buch über Großherzigkeit und Mut, über wahres und falsches Heldentum, über Klugheit, List und Zivilcourage." (Wiglaf Droste)
Auch als Hörbuch, gesprochen von Wiglaf Droste erhältlich
(2 Audio-CDs, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-1170-0, € 17,90)
Buchtipp des Monats - April 2008
- Marcel Beyer
- Kaltenburg
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41920-5
- € 19,80
Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des "Dritten Reichs" flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden, welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien der DDR, wie erlebt der Ornithologe schließlich das Ende der DDR?
- Alain de Botton
- Glück und Architektur
- Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-046321-0
- € 22,90
„Was ist ein schönes Haus? Für den modernen Menschen ist dies eine unangenehme und vielleicht auch unbeantwortbare Frage, scheint doch der Begriff >Schönheit< nur noch dazu geeignet, fruchtlose und kindische Streitigkeiten auszulösen. Wie könnte jemand behaupten zu wissen, was gefällt? Wie wollte jemand zwischen widersprüch-lichen Stilen entscheiden, wie angesichts konträrer Geschmäcker eine bestimmte Wahl rechtfertigen? Der Anspruch, Schönes zu schaffen, einst die vermeintlich wichtigste Aufgabe jeden Architekten, verschwand stillschweigend aus allen ernsthaften Diskussionen, um als bloße Anforderung in den Köpfen verwirrter Laien zu überdauern.“ Mit elegantem Witz und melancholischem Charme untersucht Alain de Botton auf der Fährte seiner Bestseller »Trost der Philosophie« und »Kunst des Reisens« das verborgene Zusammenspiel von Architektur und Glück: von den Villen Palladios im Veneto bis zu den Wohnhäusern Le Corbusiers, von den Teepavillons in Kyoto bis zu den Türmen von Norman Foster in New York. Ob helles Tageslicht oder Geborgenheit des Schattens, Blümchen oder Bauhaus letztlich müssen wir in uns selbst schauen, um herauszufinden, welches Haus zu uns gehört."
- Peter Stamm
- Wir fliegen
- Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-075128-7
- € 17,90
"In der letzten seiner zwölf neuen Erzählungen deutet Peter Stamm ein kleines Selbstporträt an. Er lässt einen Maler zu sich selbst sagen: „Deine wahre Liebe gilt den Skizzen, den Stimmungen.” Peter Stamm weiß, worin er zu Hause ist, er weiß, was er am besten kann. Das lässt sich in seinem bisherigen Werk genau verfolgen: Auffällig gut gelingen ihm die kurzen Formen, einfühlsame Beschreibungen innerer Zustände, überschaubare, emotional angespannte Konstellationen. Aber irgendwie will er mehr. Und das wird auch gleich in der besagten Erzählung über den Maler deutlich: Sie weitet sich aus zu einer ausladenden Reflexion über das künstlerische Schaffen per se, mit kurzen, pathetischen Aufflügen. Das Stilmittel, den Maler in ein Selbstgespräch zu verwickeln, sich immer wieder fordernd mit du anzusprechen, ist jedoch schnell erschöpft. Es trägt nicht einmal diese wenigen Seiten. Es gibt Geschichten in diesem Band, die wunderbar in sich geschlossen sind, in denen man keinen falschen Zungenschlag und keine Überreizung spürt, da scheint sich der Autor seiner Mittel völlig sicher zu sein. „Drei Schwestern” ist so eine Erzählung, sie hallt lange nach und berührt auf sonderbare Weise. Heidi hat, in ihrer entlegenen Provinz, das Talent zum Zeichnen in sich entdeckt, und ihre Lehrerin ermutigt sie dazu, sich bei der Wiener Kunstakademie zu bewerben. Auf der langen Zugfahrt zu dem Bewerbungsgespräch bekommt sie jedoch Angst, und sie steigt mittendrin, in Innsbruck, aus, wo sie auf einer Parkbank von Rainer angesprochen wird. Mit ihm führt sie dann eine öde, durchschnittliche Ehe."
Süddeutsche Zeitung, 16.04.2008
- Anger-Schmidt/ Habinger
- Neun nackte Nilpferddamen
- Arena Verlag
- ISBN 978-3-401-02980-1
- € 7,90
Hin und wieder tauchen sie auf, die neun nackten Nilpferddamen. Zum Beispiel unter C wie Countdown. Da stehen sie zwischen zehn zähen Zackelschafen und acht alten Abenteurern. Oder unter E, bei den Eiern. Da spricht eine Schale mit roten Lippen von den grauen Nackerpatzeln. Oder unter J, dem tierischen Jahreskalender. Januar: Judokurs ... Dezember: Jingle Bells einstudieren. Unter S schließlich sind die Dickhäuter bloß zu suchen. Rund um sie herum purzeln inzwischen in unzähligen Beiträgen Buchstaben durcheinander, werden Wörter geschüttelt und Reime erfunden, Fragen gestellt, Geschichten erzählt und Bastelanleitungen gegeben. Neun nackte Nilpferddamen ist ein umfangreiches ABC der flotten Sprachspielereien. Jeder Buchstabe hat seinen Unsinn. Denn: Aller Unsinn macht Spaß. Noch Beispiele gefällig? Unter A tut Anna alles, was ein A enthält enthält. Sie lacht, mag Kalbsbratl und schnappt nach Saft. Unter A reimt sich A, der Aal, ein Prinzgemahl, auf Spital. Werden "Andere Ausdrücke für Auto" gesucht. Beginnt eine Alliteration mit "Als achtzehn Affenjunge an Achterbahnen arbeiteten". Selbstlautet es unter anderem "Albert Einstein ist ohne Unterkunft."
Einige Bücher sind zu Unrecht vergessen; keines ist zu Unrecht in Erinnerung.
W. H. Auden
Buchtipp des Monats - März 2008
- Andrej Stasiuk
- Fado
- edition suhrkamp
- ISBN 978-3-518-12527-4
- € 9,50
Während seiner Fahrten durch Albanien hört Stasiuk den Fado. Melancholie und sanfter Trotzdieser Musik sind auch den 24 kurzen erzählerischen Meditationen eigen, die thematisch wie geographisch einen weiten Bogen schlagen: von Südpolen bis Montenegro, vom Blick durchs Vergrößerungsglas auf eine alte Karte, die bosnische Dörfer verzeichnet, bis zu den Reflexionen über die neue Mobilität als Flucht aus der eigenen Geschichte, dem eigenen Leben. Gibt es eine bessere Metapher für die Reise als eine brüchige Landkarte? Gibt es eine noblere Art der Reise als die auf den Spuren eines Schriftstellers, dessen Bücher man bewundert? So eine Reise ist eine Pilgerfahrt. Und die Pilgerfahrt ist ja nichts anderes als die ältere Schwester der Reise als solcher. Reisen heißt leben. Jedenfalls doppelt, dreifach, mehrfach leben.
Ein Roman aus dem Geist von Hitchcock? Vielleicht. Aber eher ein Literatur gewordenes Mysterium von Tarkowskij, das in einer kunstvoll monologischen Sprache davon erzählt, wie das Absurde sich des Alltäglichen bemächtigt und die Wirklichkeit zu Fall bringt.
- Clemens Meyer
- Die Nacht, die Lichter
- S. Fischer Verlag
- ISBN 978-3-10-048601-1
- € 18,90
Er setzt alles auf eine Karte, der Hundebesitzer, der auf der Rennbahn sein Geld verwettet, um eine teure OP zahlen zu können. Sie will es allen zeigen, die junge Frau, und sich vom Flüchtlingsschiff in die erste Liga hochboxen. Sie reden eine Nacht lang, der junge Mann und eine alte Freundin, haben einander zufällig wiedergetroffen, sie denkt vielleicht an ein gemeinsames Leben, doch er weiß, dass es anders kommen wird.
Clemens Meyer erzählt von der Hoffnung, einmal im Leben den großen Gewinn einzustreichen, von dem Willen, etwas aus sich zu machen, und der verpassten Liebe. Seine Geschichten spielen in der stillen Wohnung, in der Lagerhalle und am Fluss. Seine Helden sind dem Leben ausgesetzt, es sind die Heimatlosen und Träumer, die die nächtliche Stadt durchstreifen. Meyer trifft die Töne unserer Zeit: In seinen rauen, präzisen und zarten Sätzen spricht er von verlorenen Illusionen, von Sehnsucht und Einsamkeit.
- Peter Stamm
- An einem Tag wie diesem
- Fischer TB
- ISBN 3-596-17383-3
- € 7,95
An einem Tag wie diesem ändert Andreas sein Leben. Ihn packt eine Sehnsucht, die zwischen Heimweh und Fernweh nicht mehr unterscheidet. Er wirft alles hin, verkauft seine Wohnung und kündigt seine Stelle in Paris, um nach einem halben Leben zu der Frau zurückzukehren, die er einmal geliebt hat. Die Gleichheit der Tage war sein einziger Halt, jetzt hofft er auf ein Wunder und darauf, dass alles neu beginnt. Seine Reise führt ihn in die Provinz seiner Jugend und wieder weg bis ans Ufer des Atlantiks, in die Arme einer Frau, deren Liebe er beinah verspielt hatte.
Wenn die Wünsche übermächtig werden, muss der nächste Tag ein anderer werden. Nach „Agnes“ und „Ungefähre Landschaft“ erzählt Peter Stamm in seinem Roman „An einem Tag wie diesem“ wieder meisterhaft von der Liebesunfähigkeit und dem brennenden Verlangen nach dem großen Gefühl, er erzählt von der Wirklichkeit, die wie ein Traum vergeht, bis man sein Leben selbst in die Hand nimmt.
- Christian Lehnert
- Auf Moränen
- Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41954-0
- € 16,90
Sie stellen sich den Fragen nach der eigenen Existenz: der Bausoldat, der sich in der monotonen Plackerei auf Rügen zwischen"Gleichschritt"und"Normzeit"abhanden zu kommen droht; der Anpassungsvirtuose Erich Mielke, für den das Wort Ich ein"bloßes Stochern im Dunkel"ist; oder Apostel Paulus, der auf das Komme vertraut und das Hier und Jetzt als Zwischenzustand begreift: "Wie ein Buchstabe, / aufgerissenes Auge, nicht von dem Buch wissen kann, / das ihn enthält, / kann ich nicht lesen, wo ich bin.
"Auf Moränen erklingen diese Stimmen, unter ihnen ein Berg von Erlebnissen und Geschichte, Gedankengeröll, das sich übereinanderschiebt. Christian Lehnert spürt in seinen Gedichtzyklen tastend, drängend den Identitätsfragen nach, wie sie vom Urchristentum bis in die Gegenwart reflektiert werden, und entfaltet ein Wortgewebe voll dunklem Glanz"
(Gerhard Kaiser).
Lesung mit dem Autor am 9. April 2008, 20 Uhr
- Philip Roth
- Jedermann
- Rowohlt TB
- ISBN 978-3-499-24594-7
- € 8,95
Philip Roth‘s Roman ist eine intime und doch universale Geschichte von Verlust, Reue und stoischem Gleichmut. Roth zeichnet das Schicksal seines Jedermann nach, von der ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod an dem idyllischen Strand seiner Kindheitssommer bis hin zu der Zeit, als ihm die Hinfälligkeit seiner Altersgenossen und die eigene Gebrechlichkeit zusetzen. Sein Thema ist das, was wir alle erleben und was uns doch so erschreckt. Das terrain dieses gewaltigen Romans ist der menschliche Körper. Sein Thema ist das, was wir alle erleben und was uns doch erschreckt.
- Andreas Steinhöfel
- Rico, Oskar und die Tieferschatten
- Carlsen Verlag
- ISBN 978-3-551-55551-9
- € 8,95
Eigentlich soll Rico ja nur ein Ferientagebuch führen. Schwierig genug für einen, der leicht den roten oder den grünen oder auch den blauen Faden verliert. Aber als er dann auch noch Oskar mit dem blauen Helm kennen lernt und die beiden dem berüchtigten ALDI-Kidnapper auf die Spur kommen, geht es in seinem Kopf ganz schön durcheinander. Doch zusammen mit Oskar verlieren sogar die Tieferschatten etwas von ihrem Schrecken. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft .
Buchtipp des Monats - Februar 2008
- Jörg Bernig
- Weder Ebbe noch Flut
- mdv
- ISBN 978-3-89812-464-5
- € 18,00
Die Geschichte der großen Liebe von Albert und Dorothee beginnt 1983 am Rande eines Kirchentages in Leipzig. Ein Kind soll für die beiden ein Zauberspruch gegen einen Alltag sein, mit dem sie nichts anfangen können. Doch Dorothee wird nicht schwanger, auch die Medizin vermag nicht zu helfen. Dann fällt die Mauer, neue Möglichkeiten tun sich auf, aber Albert entbindet Dorothee von ihrem Versprechen auf ein gemeinsames Leben. Er verlässt sie aus Liebe, damit wenigstens sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen kann. Er selbst geht nach Wales - wie er sagt: ans Ende der Welt. Dort will er seine Forschungen zu Adalbert Stifter abschließen, dessen Ehe ebenfalls kinderlos geblieben war. Und noch tiefer reicht die Verbindung Alberts mit dem Leben Stifters: Als Albert einige Jahre später zum Abschluss seiner Forschungen nach Oberplan, Stifters Geburtsort in Böhmen, reist, lebt Dorothee dort.
Jörg Bernig erzählt die Geschichte einer großen Liebe, die durch Kinderlosigkeit in Gefahr gerät. Die Art und Weise, wie er die Liebenden in den Jahren vor und nach den Herbstereignissen von 1989 zeichnet und dies behutsam mit biografischen Details aus dem Leben Adalbert Stifters verbindet, macht diesen Roman zu einem Buch der Romantik von heute - einer Romantik, gegen die das alltägliche Leben steht.
- David Albahari
- Die Ohrfeige
Eine höllisch-spannende Geschichte - Eichborn Verlag
- ISBN 978-3-8218-5785-5
- € 22,95
Der Erzähler in David Albaharis neuem Roman hat viel Zeit. Einmal die Woche schreibt er eine Kolumne für eine Belgrader Zeitung, ansonsten macht er das, was viele in zerfallenden autoritären Regimen tun: Er macht sich unsichtbar. Was bleibt, sind die kleinen, täglichen Rituale, die ihn daran erinnern, dass das Leben wirklich vergeht: der morgendliche Spaziergang an die Ufer der Donau, die von Joints befeuerten philosophischen Gespräche mit Marko, seinem besten und einzigen Freund - und die langen, dunklen Nächte in seiner kleinen Wohnung, die er mit alten Vinylplatten von Cream, den Beatles und Marianne Faithfull teilt. Den Zumutungen des Alltags begegnet er mit einer humorvollen Melancholie, die sich als stoischer Fatalismus tarnt - bis eine zufällige Beobachtung seine Neugier weckt: Ein junger Mann ohrfeigt eine junge Frau. Sein unmittelbarer Impuls, dem Übeltäter zu folgen, weicht dem Gefühl der Unsicherheit, als er einen weiteren Mann bemerkt, der ihn und die Szene gesehen hat. Kurz darauf sind beide Männer und die Frau verschwunden, und unser namenloser Erzähler versucht ein Rätsel zu lösen, das scheinbar keine Lösung hat...
Ein Roman aus dem Geist von Hitchcock? Vielleicht. Aber eher ein Literatur gewordenes Mysterium von Tarkowskij, das in einer kunstvoll monologischen Sprache davon erzählt, wie das Absurde sich des Alltäglichen bemächtigt und die Wirklichkeit zu Fall bringt.
- Jutta Richter
- Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil
Erzählung - DTV
- ISBN 978-3-423-62041-3
- € 6,95
Sie hocken in Opa Schultes Schuppen: der zugelaufene Hund und die beiden Kinder Prinz Neumann und Lotta. Die Kinder fragen den Hund, woher er kommt. Da fängt er an zu erzählen. Denn er weiß: Wenn er erzählt, kriegt er Hähnchenhaut zu fressen und einen Schlafplatz im Schuppen.
Und er erzählt: von G. Ott, in dessen Garten er einmal gelebt hat und von Lobkowitz, der der beste Freund von G. Ott war. "Geht nicht gibt`s nicht!" war dessen Motto, und G. Ott wurde nicht müde, die Welt zu erschaffen. Doch das ist lange her. Als nämlich alles erfunden war, wollte G. Ott Freunde haben, mit denen er alle Schönheit teilen konnte. Lobkowitz, zuerst dagegen, sah eines Abends seine Stunde gekommen und führte ihm beim Zeichnen die Hand. So entstanden die Menschen, ungehobelte Barbaren, die den Erfinder verhöhnten.
Da vertrieb sie G. Ott aus dem Garten, auch Lobkowitz mußte gehen. Seitdem irrt Lobkowitz in der Welt umher, eine traurige Gestalt, die nachts mit der Eule redet und mit dem Himmel.
Auch als Hörbuch erhältlich (4 Audio-CDs, Igel Records, ISBN 978-3-89353-235-3, € 19,95)
Buchtipp des Monats - Januar 2008
- Edward Güldner
- Böhmische 21
- Notschriften-Verlag Radebeul
- ISBN 978-3-940200-10-5
- € 11,90
"Bei Hinterhöfen hatte ich immer die Vorstellung von dunklen Löchern, in denen kein Grün eine Chance hat und das Tageslicht sich nur an den oberen Rändern der Dächer zeigt, bewohnt von lichtscheuen, düsteren Personen; kannte ich doch hauptsächlich die trostlosen, aneinandergereihten Berliner Gevierte und in Dresden nur einige Höfe in Pieschen, so war ich überrascht, hinter dem geduckten, von Kindern bunt beklecksten Häuschen, einen hellen, großen Hof zu finden, in dem Blumen, Sträucher und Bäume wuchsen und in den die Zweige einer mächtigen Kastanie ragen ..."
Neuausgabe 2007 der Erzählungen von 1998, Hardcover, 80 Seiten
Mit Zeichnungen von Rainer Wriecz
- Undine Materni & Jörg Bretschneider
- Teufelshuf und Himbeerbrause
Eine höllisch-spannende Geschichte - Edition Sächsische Zeitung
- ISBN 978-3-938325-42-1
- € 12,90
Der Teufel, er nennt es Höllenleid, wir Menschen, wir nennen es - LIEBE. Die glücklichen Großeltern sind gerade in ihr kleines Häuschen am Rande der Stadt gezogen, da bekommen sie unerwarteten Besuch. Der Kerl mit dem Pferdehuf steht plötzlich in der Tür. Er will die Großeltern richtig verteufeln und denkt sich mit seinen Kumpanen - der Hexe, dem Gerippe und den beiden Irrlichtern - üble Gemeinheiten aus um sie auseinander zu bringen. Denn eines kann er überhaupt nicht leiden, wenn sich Leute richtig lieb haben. Nach vielen Bosheiten und schlaflosen Nächten begibt sich Großvater auf die Suche nach dem Teufel, um ihm das Handwerk zu legen. Dabei macht er eine merkwürdige Entdeckung: der Teufel wohnt nicht in einer dunklen Höhle sondern in einem wunderschönen Schloss, wo es täglich Schokoladenpudding und Himbeerbrause gibt. Und der Teufel scheint auch garnicht mehr so böse zu sein...Ob sich Großvater wieder von ihm täuschen lässt? Eine höllisch-spannende Geschichte für mutige Kinder ab 9 und verliebte Großeltern
- Peter Handke
- Die morawische Nacht
Erzählung - Suhrkamp Verlag
- ISBN 978-3-518-41950-2
- € 28,00
"Die Jahreszeit: nicht lang nach Frühlingsanfang. Neumond. Leichter Nachtwind, verstärkt in Flussnähe." Präzise beschreibt Peter Handke die Szene gleich am Beginn. Wir befinden uns an der Morawa, einem Nebenfluss der Donau in Serbien, der schon einmal - in der "winterlichen Reise" - Schauplatz der Handkeschen Prosa war. Dort liegt ein Boot vor Anker, bewohnt wird es von einem ehemaligen Autor. Der Name des Bootes: "Die Morawische Nacht". Als eine Abwandlung von "Tausendundeine Nacht" hat Peter Handke seine große Erzählung beschrieben. Samara hätte sie heißen sollen, was so viel bedeutet wie "die Nacht im Gespräch verbringen". Und eine Nacht lang erzählt auch der Bootseigner, der ehemalige Autor, sieben Zuhörern von seiner Rundreise durch Europa, einer Rundflucht, Irrfahrt, Todesfahrt oder einem "Amoklauf", wie es auch heißt. Auf der Flucht ist er vor einer Frau, seiner Todfeindin, einer Unbekannten. Viel ist auch von einer unbekannten Gefahr die Rede, einer so genannten inneren Gefahr, die diesen Autor antreibt - für Handke Anlass zu ironischen Kommentaren. Es sind die Schreib- und Lebensorte des Peter Handke, an denen der Erzähler der "morawischen Nacht" Station macht: auf der Adria Insel, auf der er sein erstes Buch geschrieben hatte - die Insel Krk bekommt da den Phantasienamen Cordura -, in der spanischen Meseta, die wir bereits aus dem "Versuch über die Jukebox" kennen, oder auch am Herkunftsort seines verstorbenen Vaters im Südharz. Weiter geht dann die Reise zu seinem "vorgenommenen Hauptziel: Dem tiefen Österreich". Nach Wien, nach Graz und in die Kindheitsgegend Kärnten. Ein Satz dazu: "An einem fremderen Ort, unter fremderen Menschen, Tieren, Dingen als jetzt hier in der Stammgegend hatte er sich nie bewegt." Vertraut sind dem Handke-Leser die Schauplätze, Themen und Motive, die die gesamte morawische Nacht durchziehen - von dem Debüt "Die Hornissen" bis zu dem großen Roman "Der Bildverlust". Filip Kobal aus der "Wiederholung" tritt ebenso auf wie Gregor Keuschnig aus der "Stunde der wahren Empfindung". Zu guter letzt landet der Erzähler wieder auf dem Balkan - zuhause. Er kehrt zurück zu seinem Boot, das sich im Lauf der morawischen Nacht in Nichts aufgelöst hat. Die Morawa ist versiegt, die nächtliche Erzählung ein Traumgebilde, die Morawische Nacht eine Fiktion. "Was hatte er bloß bei den Verlorenen auf dem Balkan zu suchen gehabt?", fragt der Erzähler am Ende der Geschichte. Und "...war das überhaupt noch der Balkan. Nach seinen ausführlichen Auslassungen zum Krieg am Balkan setzt Peter Handke jetzt in der "Morawischen Nacht" seine Weltpoetisierung fort - sprachmächtig, souverän und virtuos. Reiseskizzen und Episoden wechseln mit Reflexionen über das Böse, das Schreiben, und über die Stille, der weihevolle Ton kippt immer wieder in Ironie und Selbstironie. Einmal mehr erweist sich Handke als Meister des genauen Hinschauens, des präzisen Benennens, der poetischen Verdichtung. Peter Handke hat ein großes Lebensbuch geschrieben.
Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei den beschreibenden Texten um Informationen des Verlages. Text und Coverabbildungen sind übernommen von buchkatalog.de
Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.
Jean Paul
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