Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.

Jean Paul

Buchtipps des Monats - Winter 2017

    Borbély: Die Mittellosen
  • Szilárd Borbély
  • Die Mittellosen
  • Suhrkamp 2016
  • ISBN 978-3-518-46664-3
  • € 12.00

Ein ungarisches Dorf, Ende der sechziger Jahre: Alle diejenigen sind noch da, die "damals" mitgemacht haben, aber auch der jüdische Ladenbesitzer Mózsi, der von der Zwangsarbeit ins Dorf und in seine ausgeplünderte Wohnung zurückgekehrt ist. Über seine ermordeten Töchter wird geschwiegen.
An diesem grausamen und mitleidslosen Ort wächst der junge Erzähler des Romans auf. Der Elfjährige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Seine Familie und er sind Außenseiter im Dorf. Von der Vergangenheit darf man nicht sprechen. Sind sie Juden? Aus Rumänien vertriebene orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt?
Szilárd Borbély schildert Kindheitsszenen aus einer erbarmungslosen Welt. In der Selbstbeobachtung des Außenseiters wächst dem Jungen ein unerhörter Scharfblick zu. Gebannt und atemlos folgt man seiner Erzählung, der es gelingt, scheinbar Unsagbares in Worte zu fassen.

    Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  • Clemens J. Setz
  • Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  • Suhrkamp 2017
  • ISBN 978-3-518-46753-4
  • € 16.00

In einem Wohnheim für behinderte Menschen wird die junge Natalie Reinegger Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Der Mann sitzt im Rollstuhl, ist von unberechenbarem Temperament und gilt als "schwierig". Dennoch erhält er jede Woche Besuch - ausgerechnet von Christopher Hollberg, jenem Mann, dessen Leben er vor Jahren zerstört haben soll, als er ihn als Stalker verfolgte und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord trieb. Das Arrangement funktioniere zu beiderseitigem Vorteil, versichert man Natalie, die beiden seien einander sehr zugetan. Aber bald verstört die junge Frau die unverhohlene Abneigung, mit der Hollberg seinem vermeintlichen Freund begegnet. Sie versucht, hinter das Geheimnis des undurchschaubaren Besuchers zu kommen und die Motive seines Handelns zu verstehen.
Dieser Roman ist eine Bergwerksfahrt in die Welt des Clemens J. Setz. Sie fördert ihre innere Ordnung zutage, ihre Geheimnisse und Prinzipien: Macht und Ohnmacht, Sinnsuche und Orientierungsverlust, Unterwerfung und Liebe in allen Spielarten - fürsorglich, respektvoll, besessen, Liebe als Wahn und als Manipulation. Und Rache. So subtil und schmerzhaft, dass die Frage nach Täter und Opfer in namenloses Gelände führt.

    Fermine: Schnee
  • Maxence Fermine
  • Schnee
  • Unionsverlag 2016
  • ISBN 978-3-293-00509-9
  • € 18.00

Yukos Leidenschaft gilt der Poesie, vor allem den Haikus, und dem Schnee. Der Schnee ist für ihn das vollkommen Schöne - ein Gedicht, eine Kalligraphie, ein Gemälde. Einen Winter lang steigt er jeden Tag auf einen Berg und schreibt Haikus. Als er sein 77. Gedicht vollendet hat, steht plötzlich ein Abgesandter des kaiserlichen Hofes vor der Tür. Er prophezeit ihm eine glänzende Karriere als Hofdichter, wenn er unter den Lehreraugen des berühmten Meisters Soseki seine Kunst vervollkommnet.

Also macht Yuko sich auf den Weg und erlernt nicht nur höchste Dichtkunst, sondern erkennt auch die Traurigkeit, die seinen Lehrer umgibt - er erfährt die Geschichte einer wunderschönen Frau, die Soseki einst liebte. Sie war Seiltänzerin und ihr Name war Schnee.

    Knausgård: Das Amerika der Seele
  • Karl Ove Knausgård
  • Das Amerika der Seele. Essays 1996-2013
  • Luchterhand 2016
  • ISBN 978-3-630-87455-5
  • € 24.00

Warum schreiben, warum malen, warum fotografieren? Warum lesen, warum Gemälde betrachten, warum in Galerien gehen? Kann es dabei um etwas anderes gehen als um die großen Fragen des Lebens? Und was hat diese Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben zu tun?

Das Amerika der Seele ist eine Sammlung von Texten, die einen weiten Bogen spannen: von der Gnade, die darin liegen kann, der Beerdigung des eigenen Vaters beizuwohnen, bis zur Bedeutung der Einsamkeit in den Bildern der US-amerikanischen Fotokünstlerin Francesca Woodman. Vom Massaker auf Utøya bis zu Knut Hamsuns missglücktem Meisterwerk "Mysterien".

    Sielaff: Überall Welt
  • Volker Sielaff
  • Überall Welt. Ein Journal
  • edition Azur 2016
  • ISBN 978-3-942375-24-5
  • € 19.90

Ein Tagebuch kann vieles sein: Archiv, Versuchslabor, Ideenspeicher. Volker Sielaffs Journal passt in keine dieser Schubladen – und sein Schreibgrund ist wohl am ehesten mit dem vergleichbar, den Victor Klemperer einmal für seine Tagebücher formulierte: »Nur Leben sammeln. Immer sammeln. Eindrücke, Lektüre, Gesehenes, alles. Und nicht fragen, wozu und warum.«
Nach den gefeierten Lyrikbänden »Selbstporträt mit Zwerg« und »Glossar des Prinzen« legt Volker Sielaff erstmals eine Auswahl von Prosaaufzeichnungen aus zehn Jahren vor: unverstellte, berührende Notate vom Rand der Wahrnehmung. Sie berichten vom Glück des Lebens mit einem Kind, von Begegnungen, Streifzügen, Lektüren und Beobachtungen. Überall Welt!
(buchhandel.de)

    Kermani: Ungläubiges Staunen
  • Navid Kermani
  • Ungläubiges Staunen. Über das Christentum
  • Beck 2016
  • ISBN 978-3-406-68337-4
  • € 24.95

Was geschieht, wenn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der selbst ein Muslim ist, sich in die christliche Bildwelt versenkt? Navid Kermani sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich: ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen.

Es ist ein Wagnis: Offenen Herzens, mit einer geradezu kindlichen Neugier steht Navid Kermani vor den großen und vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. Und es wird zum Geschenk: Denn seine berückend geschriebenen Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück. Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus. Er lehrt uns, in den Bildern alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt auch die Fragen unserer heutigen Existenz zu erkennen - mit klarem Blick für die wesentlichen Details und die untergründigen Bezüge auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur, zum mystischen Islam und selbst zur modernen Heilgymnastik. Seine poetische Schule des Sehens macht süchtig: süchtig nach diesem speziellen Blick auf das Christentum und sehnsüchtig danach, selbst so sehen zu können.

Buchtipps des Monats - Herbst 2016

    Handke: Vor der Baumschattenwand nachts
  • Peter Handke
  • Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
  • Jung und Jung 2016
  • ISBN 978-3-99027-083-7
  • € 28.00

Kaum ein zweiter Autor hat in den letzten Jahrzehnten die Welt mit so viel Aufmerksamkeit angeschaut wie Peter Handke; und diese Aufmerksamkeit ist Wahrnehmung, die gelten lässt. Sie muss nicht mehr in Sprache übertragen werden, denn sie ist Sprache, der Blick ist das Wort, in dem das Gesehene sich tatsächlich wahrgenommen fühlt.
Immer wieder gelingt es diesem Dichter die Welt so darzustellen, dass sie zur Geltung kommt und sie sich und wir sie erkannt wissen, und immer schon ist ihm das in besonderer Weise in seinen Notiz- und Tagebüchern gelungen. In denen der Jahre nach der Jahrtausendwende hat Peter Handke sich zunehmend darauf eingelassen, seine Beobachtungen in aphoristischen Formulierungen zu bündeln, die für den Leser Anstöße in offenes Gelände sind, wo er im "Karawanenzug der Sätze" der Welt auf ungewohnte und erfrischende Weise begegnet. Der Blick ist das Wort - für keinen Dichter gilt das so wie für Peter Handke, vorzüglich in seinen Notiz- und Tagebüchern.

    Kuhlmann: Armstrong
  • Torben Kuhlmann
  • Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond
  • NordSüd Verlag 2016
  • ISBN 978-3-314-10348-3
  • € 19.99

Amerika in den 1950er Jahren. Eine kleine, wissbegierige Maus beobachtet jede Nacht den Mond durch ein Fernrohr, während ihre Artgenossen einem höchst unwissenschaftlichen Käsekult verfallen sind. Kann der Mond wirklich aus Käse sein? Angespornt durch die Pionierleistungen der Mäuseluftfahrt, beschließt die kleine Maus, der Frage auf den Grund zu gehen. Sie fasst einen großen Entschluss: Sie wird als erste Maus zum Mond fliegen!
In seinem zweiten großen Abenteuer einer kleinen Maus zeigt Torben Kuhlmann seine ganze Meisterschaft sowohl als Illustrator stimmungsvoller und eindrücklicher Bilder als auch als raffinierter Erzähler von spannenden Geschichten. Hier überzeugen alle liebevoll erfundenen Details.

Buchtipps des Monats - Sommer 2016

    Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt
  • Ulrike Draesner
  • Sieben Sprünge vom Rand der Welt
  • btb 2016
  • ISBN 978-3-442-71320-2
  • € 11.99

Was es bedeutet, die Heimat zu verlieren.
Ulrike Draesner kreuzt die Lebenswege der schlesischen Grolmanns mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Wroclaw vertriebenen Familie. Vier Generationen kommen zu Wort. Virtuos entwirft der Roman ein Kaleidoskop der Erinnerungen, die sich zu immer neuen Bildern fügen. Sie zeigen, wie durch Zwangsmigration zugefügte Traumata sich auswirken, wie seelische Landschaften sich von einer Generation in die nächste weiterstempeln. Die Geschichten der Grolmanns und der Nienaltowskis werden zum Spiegel von hundert Jahren mitteleuropäischer Geschichte. Mitreißend und poetisch erzählt die Autorin von den Mühen und Seligkeiten der Liebe zwischen Eltern und Kindern, von Luftwurzeln, Freiheit und Migration.

    Starke: Offene Türen
  • Günter Starke
  • Offene Türen. Wohnen und Leben in der Dresdner Neustadt 1982 bis 1996
  • Mitteldeutscher Verlag 2016
  • ISBN 978-3-95462-732-5
  • € 24.95

Günter Starke gilt als Chronist der Dresdner Neustadt. Seine Bilder des Stadtviertels aus den achtziger und neunziger Jahren zeigen Menschen, Innenräume, Fassaden, Hinterhöfe und mehr. Alle Aufnahmen vermittelten dabei ein Gefühl von "zu Hause". Denn der Fotograf und Mensch Günter Starke erweckt das Viertel zum Leben. Sein Blick fällt in die Mietshäuser, deren Wohnräume, Kinderzimmer, Treppenhäuser, verweilt davor, durchstreift die Straßen, begleitet die Leute auf dem Weg zum
Einkauf, in die Gaststätte ... So sind seine Aufnahmen nicht bloß reine Dokumentation,
sondern vielmehr ein "Sichtbar-Machen" der Lebens- und Wohnumstände eines ganzen Viertels und seiner Bewohner.

    LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
  • Elizabeth LaBan
  • So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
  • Hanser 2016
  • ISBN 978-3-446-25082-6
  • € 16.90

Im renommierten Irving-College ist es Tradition, seinem Zimmer-Nachfolger eine Überraschung zu hinterlassen. Duncan findet besprochene CDs seines Vorgängers Tim, die eine traurige Liebesgeschichte offenbaren. Tim, der als Albino meist zum Opfer von Anfeindungen und Mobbing wird, verliebt sich darin in die begehrenswerte Vanessa. Mit ihr fühlt er sich das erste Mal nicht als Außenseiter. Trotzdem fehlt ihm der Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Ein Mangel an Selbstbewusstsein, der zum tragischen Unglück führt. Für Duncan ist Tims Geschichte aber der Anstoß, endlich den entscheidenden Schritt in Richtung Liebe zu tun. Ein mitreißendes Debüt über das Erwachsenwerden, verbotene Liebe und Verlust.Eine berührende und tragische Liebesgeschichte zwischen einem Außenseiter und seiner großen Liebe - ein Internatsroman mit Tiefgang.

    Handke: Vor der Baumschattenwand nachts
  • Peter Handke
  • Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015
  • Jung und Jung 2016
  • ISBN 978-3-99027-083-7
  • € 28.00

Kaum ein zweiter Autor hat in den letzten Jahrzehnten die Welt mit so viel Aufmerksamkeit angeschaut wie Peter Handke; und diese Aufmerksamkeit ist Wahrnehmung, die gelten lässt. Sie muss nicht mehr in Sprache übertragen werden, denn sie ist Sprache, der Blick ist das Wort, in dem das Gesehene sich tatsächlich wahrgenommen fühlt.
Immer wieder gelingt es diesem Dichter die Welt so darzustellen, dass sie zur Geltung kommt und sie sich und wir sie erkannt wissen, und immer schon ist ihm das in besonderer Weise in seinen Notiz- und Tagebüchern gelungen. In denen der Jahre nach der Jahrtausendwende hat Peter Handke sich zunehmend darauf eingelassen, seine Beobachtungen in aphoristischen Formulierungen zu bündeln, die für den Leser Anstöße in offenes Gelände sind, wo er im "Karawanenzug der Sätze" der Welt auf ungewohnte und erfrischende Weise begegnet. Der Blick ist das Wort - für keinen Dichter gilt das so wie für Peter Handke, vorzüglich in seinen Notiz- und Tagebüchern.

    Mayer: Die Nähe
  • Eckehard Mayer
  • Die Nähe
  • Stekovics 2016
  • ISBN 978-3-89923-358-2
  • € 14.80

Der Dirigent E.F. Buch ist ein Jahr früher als notwendig in Pension gegangen. Das Theater wollte nicht mehr mit ihm und er nicht mehr mit dem Theater. Er versucht sein Leben neu zu ordnen und zieht in sein ersehntes Traumhaus jenseits der Stadt, wo er vom äußeren Leben abgeschnitten ist. Er ist mit seinem Alleinsein höchst zufrieden. Ein gespenstisches Walderlebnis wird zum Auslöser für einen Aufbruch. Später dirigiert er Opern und Konzerte vor einem imaginären Publikum und gibt Klavier abende, alles in seinem Zimmer. Beim Laufen lernt er Emíl kennen, der Forellen züchtet und sein Freund wird. Und er verliebt sich in Evelyn und wird von ihr geliebt. Viele Tage des Fernseins von ihr lösen sich mit wenigen Stunden leidenschaftlicher Nähe ab. Auf dem Höhepunkt des Glücks steuert alles in die Katastrophe: Das Scheitern scheint endgültig zu sein.

Eckehard Mayer, geboren 1946 in Hainsberg (heute Freital), ist Komponist, Dirigent und Pianist. Seit 2002 ist er auch schriftstellerisch tätig. Eckehard Mayer lebt und arbeitet in Dresden.