Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere.

Erich Kästner

Buchtipps des Monats - Sommer 2017

    Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert
  • Marcel Beyer
  • Das blindgeweinte Jahrhundert
  • Suhrkamp 2017
  • ISBN 978-3-518-42578-7
  • € 22.95

Ist Literatur im exterministischen 20. Jahrhundert, in dem Tod ein Meister aus Deutschland geworden ist, noch möglich? Ist ihre Daseinsberechtigung entfallen, da nach Auschwitz jede kulturelle Produktion nur Ausdruck der Barbarei sein kann? Ist Literatur gerade wegen der Gräueltaten notwendig, gar unumgänglich? Welcher Verfahren hat sich solche Literatur zu bedienen? Diese Fragen verfolgt der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2016 in seinen poetischen Untersuchungen und hat eine ebenso knappe wie weitreichende Antwort parat: durch Detailarbeit am Material der Realität wie der Literatur.

Marcel Beyer verfährt bei seinen Erkundungen des Status von Literatur nach dem Ausschlussprinzip: das Radio funktioniert als notwendigerweise eindimensionales Medium; das Kino tritt stets im Gewand der Inszenierung auf und ist bekanntlich genauso manipulierbar wie die Fotografie. Im selben Maße, wie die überlieferten Zeugnisse der Quellenkritik bedürfen, ist für die Dokusoap eine Kritik der in der Regel anmaßenden Zeitzeugen notwendig.
Weit entfernt von jeder Regelpoetik oder den Creative-Writing-Ratschlägen ist die poetische Bilanz, die analytisch, essaysistisch wie erzählerisch verfährt, von Marcel Beyer ernüchternd: eine Literatur ohne Reflexion auf deren Entstehung und zeitgenössischen Tendenzen ist nicht zu haben. Und ist für Marcel Beyer-Leser ermutigend: Dieser Autor beherrscht solche Forderungen der Vergangenheit und der Jetztzeit mit Nachdruck und dem notwendigen Spiel.

    Lehnert: Der Gott in einer Nuß
  • Christian Lehnert
  • Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet
  • Suhrkamp 2017
  • ISBN 978-3-518-42586-2
  • € 20.00

Über Sinn und Aufbau der kultischen Handlungen und Texte, die als Gottesdienst oder Messe im Zentrum religiöser Praxis des Christentums stehen, ist viel geschrieben und spekuliert worden - meistens in theoretisch-theologischer Absicht. Christian Lehnert, selbst Theologe, wählt für seine Annäherung an dieses Zentralgeschehen des Kults einen besonderen, seinen eigenen Weg: den des Dichters. In der für ihn typischen Gattungsmischung von Reflexion, Schau und Erzählung, bei der die verschiedensten sprachlichen Register von kristallklarer bis hin zu expressiver Prosa gezogen werden, nähert sich Lehnert den feststehenden Formen des kultischen Vollzugs, deren Bedeutung vielen längst verloren ist: Kyrie, Gloria, Glaubensbekenntnis, Abendmahl ...

    Günther: Die Badende von Moritzburg
  • Ralf Günther
  • Die Badende von Moritzburg. Eine Sommernovelle
  • Kindler 2017
  • ISBN 978-3-463-40686-2
  • € 15.00

Eine Novelle wie ein flirrender Sommertag über eine unvergessliche Begegnung mit dem Maler Ernst Ludwig Kirchner und dem Künstlerkreis "Die Brücke".
1910. Die junge Clara Schimmelpfenninck wird wegen hysterischer Atemnot ins Dresdner Lahmann-Sanatorium auf dem "Weißen Hirschen" geschickt. Nach sechs Wochen ist sie symptomfrei, aber zu Tode gelangweilt. Da wird sie zu einem Ausflug ins nahe Moritzburg eingeladen. Im Sommerkleid streift sie durch die herrliche Schilflandschaft. Prompt wird sie von einem Mann mit fein geschnittenem Gesicht und energischer Stimme angesprochen. Ob sie sich nicht zu ihm, Kirchner, und seinen Freunden gesellen möge. Die Männer und Frauen picknicken dort, trinken Wein und arbeiten an ihren Staffeleien - in einer Art und Weise, wie Clara es noch nie erlebt hat. Und so verbringt sie einen unvergesslichen Sommertag in der Künstlerkolonie "Die Brücke".

    Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?
  • Jeanette Winterson
  • Warum glücklich statt einfach nur normal?
  • Fischer TB 2017
  • ISBN 978-3-596-03182-5
  • € 10.99

Mit sechs Monaten wird die Autorin Jeanette Winterson als Waisenkind zu einem kinderlosen Ehepaar in ein nordenglisches Arbeiterstädtchen gegeben. Die Adoptivmutter, eine streng gläubige Pfingstlerin, lebt in ständiger Erwartung der Apokalypse und sperrt Jeanette in den Kohlenkeller. Jeanette flüchtet sich aus der Realität, in der sie leben muss, und stürzt sich in die Lektüre von Büchern. Mit 16 verliebt sie sich in eine Frau und zieht aus. Viele Jahre später trifft sie auf ihre leibliche Mutter und fragt sich, was aus ihr selbst geworden wäre ohne all die Strenge und Freudlosigkeit der Adoptivmutter. Mit bissigem Witz und kraftvoll poetischer Sprache erzählt Winterson ihre Lebensgeschichte. Bewegend, komisch, furchtlos, wahr.

    Meyer: Die stillen Trabanten
  • Clemens Meyer
  • Die stillen Trabanten. Erzählungen
  • S. Fischer 2017
  • ISBN 978-3-10-397264-1
  • € 20.00

Geschichten aus der Nacht: Clemens Meyer ist ein Meister der Kurzgeschichte.

Ein Lokführer, der die Nachtfahrten liebt, bis ein lachender Mann auf den Schienen steht. Ein Wachmann, der seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und sich in die Frau hinter dem Zaun verliebt. Ein Imbissbudenbesitzer, der am Hochhausfenster steht und auf die leuchtenden Trabanten der Nacht schaut. Souverän, rauschhaft und traumwandlerisch sicher erzählt Clemens Meyer von verlorenen Schlachten und überwältigenden Wünschen. Es sind Geschichten aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen.

Buchtipps des Monats - Frühjahr 2017

    Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel
  • Yoko Ogawa
  • Der Herr der kleinen Vögel
  • Aufbau TB 2017
  • ISBN 978-3-7466-3263-6
  • € 9.99

"Nun, da er den Finken singen hörte, verstand er auf einmal, dass es tatsächlich eine Ode auf die Liebe war. Kein Lebewesen würde von einer derartigen Inbrunst erfüllt sein, wenn es um etwas anderes ginge als die Liebe."
Zwei Brüder, die einander alles bedeuten: Der ältere kümmert sich um die Vögel in einer großen Voliere, und er spricht eine Sprache, die allein sein Bruder versteht. Doch als er eines Tages stirbt, bleibt der jüngere einsam zurück. Schließlich übernimmt er die Obhut der Vögel, und es gelingt einer jungen Frau und einem alten Mann, sein Vertrauen zu gewinnen. Bis ein Unglück geschieht und der alte Mann spurlos verschwindet.
Ein zauberhaft schöner Roman, der den Leser auf eine wundersame Reise durch eine Welt voller Geheimnisse und Magie führt.
"Es ist das Beiläufige, Unaufgeregte, Unprätentiöse, das die Romane von Yoko Ogawa so großartig macht." Deutschlandradio

    Bilkau: Die Glücklichen
  • Kristine Bilkau
  • Die Glücklichen
  • btb 2017
  • ISBN 978-3-442-71458-2
  • € 9.99

Ein großes Generationsporträt unserer Zeit. Isabell und Georg sind ein Paar. Ein glückliches. Wenn die Cellistin Isabell spätabends von ihren Auftritten mit dem Orchester nach Hause geht oder der Journalist Georg von seinem Dienst in der Redaktion auf dem Heimweg ist, schauen sie oft in die Fenster fremder Wohnungen, dringen mit ihren Blicken in die hellen Räume ein. Bei abendlichen Spaziergängen werden sie zu Voyeuren. Regalwände voller Bücher, stilvolle Deckenlampen, die bunten Vorhänge der Kinderzimmer. Signale gesicherter Existenzen, die ihnen ein wohliges Gefühl geben. Das eigene Leben in den fremden Wohnungen erkennen. Doch das Gefühl verliert sich. Mit der Geburt ihres Sohnes wächst nicht nur ihr Glück, sondern auch der Druck und die Verunsicherung. Für Isabell erweist sich die Rückkehr in ihren Beruf als schwierig: Während des Solos zittern ihre Hände, nicht nur am ersten Abend, sondern auch an den folgenden. Gleichzeitig verdichten sich in Georgs Redaktion die Gerüchte, der Verlag würde die Zeitung verkaufen. Währenddessen wird ihr Haus saniert. Im Treppenhaus hängt jetzt ein Kronleuchter, im Briefkasten liegt eine Mieterhöhung. Für die jungen Eltern beginnt damit ein leiser sozialer Abstieg. Isabell und Georg beginnen mit einem Mal zu zweifeln, zu rechnen, zu vergleichen. Jeder für sich. Je schwieriger ihr Alltag wird, desto mehr verunsichert sie, was sie sehen. Die gesicherten Existenzen mit ihren geschmackvollen Wandfarben sagen jetzt: Wir können, ihr nicht. Was vertraut und selbstverständlich schien - die Cafés, Läden, der Park, die Spielplätze mit jungen Eltern -, wirkt auf einmal unzugänglich. Gegenseitig treiben sich Isabell und Georg immer mehr in die Enge, bis das Gefüge ihrer kleinen Familie zu zerbrechen droht.
Kristine Bilkau zeichnet in ihrem Debütroman "Die Glücklichen" das präzise Bild einer nervösen Generation, überreizt von dem Anspruch, ein Leben ohne Niederlagen zu führen, die sich davor fürchtet, aus dem Paradies vertrieben zu werden.

    Gardam: Ein untadeliger Mann
  • Jane Gardam
  • Ein untadeliger Mann
  • DTV 2017
  • ISBN 978-3-423-14567-1
  • € 12.90

Es ist nie zu spät für das Abenteuer des eigenen Lebens

Edward Feathers, einst Kronanwalt in Hongkong, vollendeter Gentleman, und selbst mit achtzig noch ein schöner Mann, scheint ein mühelos erfolgreiches Leben gehabt zu haben, doch wer kannte ihn schon wirklich? Nicht einmal seiner Frau Betty hat er je erzählt, woher das Stottern kommt, das ihn in Augenblicken großer Aufregung noch immer überwältigt. Als Betty stirbt, bewahrt Feathers wie gewohnt Contenance. Doch eines Morgens setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden.

Die gefeierte Neuentdeckung aus England - very British, very sophisticated

    Berger: Sehen
  • John Berger
  • Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt
  • Fischer TB 2016
  • ISBN 978-3-596-03677-6
  • € 9.99

Das erfolgreichste Buch zur Kunst der letzten fünfzig Jahre - jetzt neu auflegt im FISCHER Taschenbuch!
Mit seinem legendären Buch 'Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt' lehrte John Berger uns Anfang der 1970er Jahre, Bilder neu zu sehen. Er analysiert Gemälde nicht isoliert in einer Welt von musealer Ewigkeit, sondern als Gebrauchsmuster der modernen Gesellschaft, die vor allem den weiblichen Körper zur Reklame benutzt.
John Berger, der große europäische Erzähler und Essayist, feiert im November 2016 seinen 90. Geburtstag. Seine Essays zu Kunst und Fotografie sind aus der Ästhetik des 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Meisterhaft finden seine Erzählungen und Romane eine sinnliche Antwort auf die Frage, wie wir heute leben.
"Es gibt niemals genug von John Berger!" (Tilda Swinton)

Buchtipps des Monats - Winter 2017

    Borbély: Die Mittellosen
  • Szilárd Borbély
  • Die Mittellosen
  • Suhrkamp 2016
  • ISBN 978-3-518-46664-3
  • € 12.00

Ein ungarisches Dorf, Ende der sechziger Jahre: Alle diejenigen sind noch da, die "damals" mitgemacht haben, aber auch der jüdische Ladenbesitzer Mózsi, der von der Zwangsarbeit ins Dorf und in seine ausgeplünderte Wohnung zurückgekehrt ist. Über seine ermordeten Töchter wird geschwiegen.
An diesem grausamen und mitleidslosen Ort wächst der junge Erzähler des Romans auf. Der Elfjährige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Seine Familie und er sind Außenseiter im Dorf. Von der Vergangenheit darf man nicht sprechen. Sind sie Juden? Aus Rumänien vertriebene orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt?
Szilárd Borbély schildert Kindheitsszenen aus einer erbarmungslosen Welt. In der Selbstbeobachtung des Außenseiters wächst dem Jungen ein unerhörter Scharfblick zu. Gebannt und atemlos folgt man seiner Erzählung, der es gelingt, scheinbar Unsagbares in Worte zu fassen.

    Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  • Clemens J. Setz
  • Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  • Suhrkamp 2017
  • ISBN 978-3-518-46753-4
  • € 16.00

In einem Wohnheim für behinderte Menschen wird die junge Natalie Reinegger Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Der Mann sitzt im Rollstuhl, ist von unberechenbarem Temperament und gilt als "schwierig". Dennoch erhält er jede Woche Besuch - ausgerechnet von Christopher Hollberg, jenem Mann, dessen Leben er vor Jahren zerstört haben soll, als er ihn als Stalker verfolgte und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord trieb. Das Arrangement funktioniere zu beiderseitigem Vorteil, versichert man Natalie, die beiden seien einander sehr zugetan. Aber bald verstört die junge Frau die unverhohlene Abneigung, mit der Hollberg seinem vermeintlichen Freund begegnet. Sie versucht, hinter das Geheimnis des undurchschaubaren Besuchers zu kommen und die Motive seines Handelns zu verstehen.
Dieser Roman ist eine Bergwerksfahrt in die Welt des Clemens J. Setz. Sie fördert ihre innere Ordnung zutage, ihre Geheimnisse und Prinzipien: Macht und Ohnmacht, Sinnsuche und Orientierungsverlust, Unterwerfung und Liebe in allen Spielarten - fürsorglich, respektvoll, besessen, Liebe als Wahn und als Manipulation. Und Rache. So subtil und schmerzhaft, dass die Frage nach Täter und Opfer in namenloses Gelände führt.

    Fermine: Schnee
  • Maxence Fermine
  • Schnee
  • Unionsverlag 2016
  • ISBN 978-3-293-00509-9
  • € 18.00

Yukos Leidenschaft gilt der Poesie, vor allem den Haikus, und dem Schnee. Der Schnee ist für ihn das vollkommen Schöne - ein Gedicht, eine Kalligraphie, ein Gemälde. Einen Winter lang steigt er jeden Tag auf einen Berg und schreibt Haikus. Als er sein 77. Gedicht vollendet hat, steht plötzlich ein Abgesandter des kaiserlichen Hofes vor der Tür. Er prophezeit ihm eine glänzende Karriere als Hofdichter, wenn er unter den Lehreraugen des berühmten Meisters Soseki seine Kunst vervollkommnet.

Also macht Yuko sich auf den Weg und erlernt nicht nur höchste Dichtkunst, sondern erkennt auch die Traurigkeit, die seinen Lehrer umgibt - er erfährt die Geschichte einer wunderschönen Frau, die Soseki einst liebte. Sie war Seiltänzerin und ihr Name war Schnee.

    Knausgård: Das Amerika der Seele
  • Karl Ove Knausgård
  • Das Amerika der Seele. Essays 1996-2013
  • Luchterhand 2016
  • ISBN 978-3-630-87455-5
  • € 24.00

Warum schreiben, warum malen, warum fotografieren? Warum lesen, warum Gemälde betrachten, warum in Galerien gehen? Kann es dabei um etwas anderes gehen als um die großen Fragen des Lebens? Und was hat diese Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben zu tun?

Das Amerika der Seele ist eine Sammlung von Texten, die einen weiten Bogen spannen: von der Gnade, die darin liegen kann, der Beerdigung des eigenen Vaters beizuwohnen, bis zur Bedeutung der Einsamkeit in den Bildern der US-amerikanischen Fotokünstlerin Francesca Woodman. Vom Massaker auf Utøya bis zu Knut Hamsuns missglücktem Meisterwerk "Mysterien".

    Sielaff: Überall Welt
  • Volker Sielaff
  • Überall Welt. Ein Journal
  • edition Azur 2016
  • ISBN 978-3-942375-24-5
  • € 19.90

Ein Tagebuch kann vieles sein: Archiv, Versuchslabor, Ideenspeicher. Volker Sielaffs Journal passt in keine dieser Schubladen – und sein Schreibgrund ist wohl am ehesten mit dem vergleichbar, den Victor Klemperer einmal für seine Tagebücher formulierte: »Nur Leben sammeln. Immer sammeln. Eindrücke, Lektüre, Gesehenes, alles. Und nicht fragen, wozu und warum.«
Nach den gefeierten Lyrikbänden »Selbstporträt mit Zwerg« und »Glossar des Prinzen« legt Volker Sielaff erstmals eine Auswahl von Prosaaufzeichnungen aus zehn Jahren vor: unverstellte, berührende Notate vom Rand der Wahrnehmung. Sie berichten vom Glück des Lebens mit einem Kind, von Begegnungen, Streifzügen, Lektüren und Beobachtungen. Überall Welt!
(buchhandel.de)

    Kermani: Ungläubiges Staunen
  • Navid Kermani
  • Ungläubiges Staunen. Über das Christentum
  • Beck 2016
  • ISBN 978-3-406-68337-4
  • € 24.95

Was geschieht, wenn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der selbst ein Muslim ist, sich in die christliche Bildwelt versenkt? Navid Kermani sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich: ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen.

Es ist ein Wagnis: Offenen Herzens, mit einer geradezu kindlichen Neugier steht Navid Kermani vor den großen und vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. Und es wird zum Geschenk: Denn seine berückend geschriebenen Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück. Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus. Er lehrt uns, in den Bildern alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt auch die Fragen unserer heutigen Existenz zu erkennen - mit klarem Blick für die wesentlichen Details und die untergründigen Bezüge auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur, zum mystischen Islam und selbst zur modernen Heilgymnastik. Seine poetische Schule des Sehens macht süchtig: süchtig nach diesem speziellen Blick auf das Christentum und sehnsüchtig danach, selbst so sehen zu können.